Kultur : Zwei Autoren, zwei Generationen: Dieser Zirkus braucht dauernd neue Leichen

Rimbaud hat "Das trunkene Schiff" mit 17 Jahren ge

MALIN SCHWERDTFEGER, 28, debütiert diese Woche mit dem Erzählungsband "Leichte Mädchen". Sie gewann im Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb 2000 ein Stipendium und studiert Judaistik und Islamwissenschaft in Berlin. DIETER WELLERSHOFF, 75, gelang mit seinem Roman "Der Liebeswunsch" letzten Herbst ein später Sensationserfolg. Beide Autoren arbeiten mit dem Lektor Martin Hielscher und erscheinen im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, der auf der Leipziger Buchmesse seinen 50. Geburtstag feiert.

Rimbaud hat "Das trunkene Schiff" mit 17 Jahren geschrieben. Hofmannsthal brachte "Der Thor und der Tod" mit 19 heraus, und Büchner war gerade mal 22, als ihm "Dantons Tod" gelang. Fühlen Sie sich als 28-jährige Debütantin nicht wie eine alte Frau?

SCHWERDTFEGER: Ja, eigentlich bin ich eine alte Schachtel. Aber heute, wo viele erst in meinem Alter anfangen, ist es so, dass man immer als wahnsinnig jung dargestellt wird.

Herr Wellershoff, Sándor Márai schreibt in seinen Tagebüchern, dass Erfahrungen zwar Zeit verlangen, aber sich jenseits der 40 nicht mehr vertiefen: Man werde einfach älter. Empfinden Sie als 75-jähriger das auch so?

WELLERSHOFF: Überhaupt nicht. Ich empfinde meine jetzige Lebensphase als etwas Neues. Das Wissen, dass es nur noch einen begrenzten Spielraum gibt, beleuchtet alles wieder neu. Distanz und Selbstdistanz wachsen ebenso wie die Nähe. Die Entwicklungszeit meiner Generation war übrigens deshalb so lang gestreckt, weil wir in historischen Verwerfungen aufgewachsen sind: Nazizeit, Krieg, Nachkriegszeit.

Sie haben diese Erlebnisse erst viel später aufgeschrieben.

WELLERSHOFF: Als ich mit 19 Jahren aus dem Krieg kam, habe ich einen Roman über einen Pianisten geschrieben, der im Krieg einen Arm verloren hatte. Das war etwas Ausgedachtes. Über meine eigene Erfahrung konnte ich noch nicht schreiben.

Verglichen damit sind Sie, Frau Schwerdtfeger, erfahrungsarm aufgewachsen.

SCHWERDTFEGER: Würde ich niemals behaupten. Das Wichtigste beim Schreiben ist Distanz. Wie Dieter Wellershoff brauche ich einen Abstand zu Orten und Erfahrungen. Viele Autoren debütieren deswegen mit Pubertätsgeschichten. In meinem Alter fühlt man sich zum ersten Mal berechtigt, darüber zu schreiben.

WELLERSHOFF: Malin Schwerdtfegers Geschichten bieten für mich Einblicke in fremde Erlebniswelten. Es ist ein anderes Generationsthema. In meinen Augen schildert sie Menschen, die ganz selbstverständlich in einer passiv hingenommenen Befremdung leben. Alles ist, wie es ist.

Wellershoffs Ursituation, die ihn zum Schreiben brachte, war Borcherts "Draußen vor der Tür". Hatten auch Sie ein Initiationserlebnis?

SCHWERDTFEGER: Die Schwestern Brontë - mit ihrer Biografie. Dass man so ins Schreiben abtauchen kann, das war faszinierend. Ich habe das sogar gespielt: Eine Zeitlang war ich Emily Brontë. Ich habe wie sie ein Schreibpult gekauft, nur mit der Feder geschrieben und in ganz kleine Hefte.

Wie alt waren Sie da?

SCHWERDTFEGER: Vielleicht 14.

WELLERSHOFF: In diesem Alter habe ich zwei Theaterstücke geschrieben. Ich habe sie einer Cousine gegeben, die sagte: Gar nicht so schlecht. Das hat mich ermutigt.

SCHWERDTFEGER: Und ich habe Hörspiele geschrieben und aufgenommen.

Wieviel von diesen ersten Schreibversuchen steckt heute noch in Ihren Texten?

WELLERSHOFF: In gewisser Weise hält man sich selbst die Treue, diesen ersten Lebensphasen, in denen sich das Ich bildet. Mein Weltbild ist von Indianerbüchern geprägt. Die Trauer, dass diese Welt untergegangen ist, hat mich dazu gebracht, die gegenwärtige Gesellschaft kritischer zu sehen.

SCHWERDTFEGER: Mein erstes richtiges Erwachsenenbuch war Utta Danellas "Stella Termogen" als Fortsetzungsroman in der Zeitung - mit neun Jahren. Dann kam gleich "Anna Karenina". Ich habe Tolstoi mit derselben Ehrfurcht gelesen. Mein größter Anreiz war: Auch ich will eine eigene Welt schaffen.

Für Ihren Literaturbegriff, Herr Wellershoff, ist das Krisenhafte von großer Bedeutung.

WELLERSHOFF: Man macht immer Erfahrungen, die das Gegebene in Frage stellen. Nicht nur der Mangel an Lebenserfahrung lässt einen Dinge neu sehen - im Alter auch mit einer gewissen Zärtlichkeit. Aber sprechen wir besser von Irritation: von der exzentrischen Situation des Menschen, nie ganz mit sich identisch zu sein.

SCHWERDTFEGER: Erzählen ist Bewegung, und Bewegung ist Erzählen.

Wer außer Ihnen hat an diesem Prozess während des Schreibens teil?

WELLERSHOFF: Es ist gut, wenn man ein, zwei Leute hat, mit denen man sich gelegentlich austauscht. Aber man sollte mit seinem Text lange genug allein bleiben und ihn nicht bröckchenweise darbieten. Damit nimmt man sich Motivation weg. Man bekommt vielleicht ein Lob, handelt sich aber auch oft wenig förderliche Meinungen ein.

Es ist für junge Autoren üblich geworden, die Entstehung ihrer Texte in Werkstätten von erfahrenen Autoren begleiten zu lassen.

SCHWERDTFEGER: Ich habe eine absolute Abneigung dagegen, jemandem etwas zu zeigen, bevor es fertig ist - egal wem.

Woher dann die Werkstättenkonjunktur?

WELLERSHOFF: Die Gesellschaft hat ein Interesse daran, den Markt zu testen. Was kommt? Was ist wichtig? Für Autoren ist es gefährlich, auf diese Weise unter soziale Kontrolle zu geraten und taxiert zu werden.

SCHWERDTFEGER: Es entstehen Netzwerke.

WELLERSHOFF: Ja, man kommt ins öffentliche Gespräch. Deswegen gehen die Leute dorthin. Nicht um zu lernen.

Worin, Herr Wellershoff, unterscheiden sich diese Netzwerke von denen, die Sie von der Gruppe 47 kennen?

WELLERSHOFF: Die Gruppe 47 war anfangs ein Ersatz für eine Öffentlichkeit, die es noch nicht gab. Sobald die Medien dazu kamen, wurde es problematisch - auch weil Texte, die im Ausschnitt interessant waren, leichter ankamen als komplexe Werke. Die Gefahr war, dass sich Autoren beim Schreiben unbewusst auf diese Situation einstellen.

Tun sie das heute nicht viel stärker?

SCHWERDTFEGER: Es gibt viel zu viele Titel. . .

WELLERSHOFF: . . . und vierzig-, fünfzigmal so viele Schriftsteller.

Hat Malin Schwerdtfeger es also schwerer?

WELLLERSHOFF: Ich möchte heute kein junger Schriftsteller sein, weil es so unendlich viele Autoren gibt. Das kann ja nicht gut gehen. Saison für Saison muss es neue Leichen geben, die aus der Arena geschleift werden.

Und triumphal Überlebende.

WELLERSHOFF: Ja, dazu gibt es unter anderem die Bestsellerlisten, die überflüssige Komplexität abbauen, wie Niklas Luhmann sagen würde. Deshalb sind Anfangserfolge so wichtig geworden.

SCHWERDTFEGER: Das ist die größte Gefahr: Man hat eine ungeheure Weite vor sich. Aber Debüt heute bedeutet Krawumm.

Sie, Herr Wellershoff, haben mit Ihrem Roman "Der Liebeswunsch", ja gerade das Umkehrte erlebt: einen späten Bestseller.

Inzwischen sage ich mir: Besser so, als am Anfang einen großen Erfolg zu haben und dann allmählich zu verschwinden.

Können Sie, Frau Schwerdtfeger, heute noch so einfach hinter Ihre Bücher zurücktreten wie einst Wellershoff?

SCHWERDTFEGER: Wann war das jemals einfach? In welcher Epoche hat man sich nicht für die Autoren interessiert?

Bei vielen Ihrer Kolleginnen, von Karen Duve bis zu Zoë Jenny, hat das Bild der Person zum Erfolg der Bücher beigetragen.

SCHWERDTFEGER: Der Voyeurismus hat sicher zugenommen. Ein Text entsteht nicht mehr einfach - ein Buch wird lanciert.

WELLERSHOFF: Und durch das Gedränge entstehen Profilierungszwänge - nicht anders als zu meiner Zeit. Da gab es Autoren, die sich profilierten, indem sie ein Geheimnis aus sich machten - etwa Arno Schmidt.

Ein großer Unterschied zu damals ist die wachsende Literaturförderung.

WELLERSHOFF: Ja, es gibt heute viel mehr Stipendien als früher. Ganz unproblematisch ist das in meinen Augen nicht. Wenn man dauernd wie in einer Plantage bewässert wird, kann sich auch die Realitätserfahrung verwässern und verdünnen. Ich glaube, dass ich durch den Zwang, Geld verdienen zu müssen, auch Themen gefunden habe.

Sie haben das Dasein als freier Schriftsteller geradezu gesucht.

WELLERSHOFF: Ja. Ich bin mehrmals vor die Frage gestellt worden, ob ich nicht etwas anderes tun wolle. Ich bekam Angebote, Abteilungsleiter beim Funk zu werden, viel später Universitätsprofessor. Man trägt das aber nicht wie einen Schicksalsspruch in sich. Die Person entsteht aus Entscheidungen und findet ihre Notwendigkeit.

Dieter Wellershoff hat Erzählweisen des Nouveau Roman in die deutsche Literatur gebracht. Versuchen Sie, Frau Schwerdtfeger, nun ein bestimmtes Erzählen gegen die Generation Wellershoff durchzusetzen?

SCHWERDTFEGER: Unsere beiden Bücher sind in jeder Hinsicht unterschiedlich, und "Der Liebeswunsch" spielt wiederum für mich in einer anderen Welt. Das ist aber kein Grund zur Gegnerschaft. Es wird immer gesagt, dass in der deutschen Literatur endlich wieder erzählt wird. Wenn man keine Utopien und literarischen Ideologien hat, hat man auch nichts, um sich abzugrenzen - ob das nun positiv ist oder negativ.

Der Kampf zwischen Pop und Hochliteratur etwa spielt für Sie keine Rolle?

WELLERSHOFF: Die Leute haben sich an das Nebeneinander gewöhnt. Es gibt alles unter einem Dach - wie in einem Kaufhaus.

Auch in Ihrem eigenen Lesekosmos?

SCHWERDTFEGER: Natürlich gibt es Autoren, die mich geprägt haben, die mich in Stimmungen versetzen und deren Gesellschaft ich suche, wenn ich mit dem Schreiben mal wieder nicht weiterkomme.

Zum Beispiel?

SCHWERDTFEGER: Die jiddische Literatur. Ich lese dann Scholem Alejchem, weil mich das zu einem oralen Erzählrhythmus zurückbringt. Da sehe ich einen großen Unterschied zu Herrn Wellershoff. Je mehr ich über Dialoge erzählen kann, desto schöner.

WELLERSHOFF: Ich schreibe vor allem szenisch. Das heißt, ich stelle Menschen in Situationen dar: Menschen, die ohne ein Vorauswissen im Dunkel des Augenblicks handeln. Was sie für die Wahrheit halten, braucht nicht die Wahrheit zu sein.

SCHWERDTFEGER: Man muss die Grenzen der Figur abstecken. Wenn man zu weit ausholt, wird die Figur sofort unsinnlich.

Von ausufernden Beschreibungen halten Sie beide nichts.

WELLERSHOFF: Es gibt eine Untersuchung darüber, woran man die Lügenhaftigkeit von Zeugenaussagen erkennt: daran, dass sie zu vollständig sind. Man merkt die Absicht, ein komplettes Bild zu entwerfen.

SCHWERDTFEGER: Wenn in einem heutigen Roman jede Zigarettenmarke auftaucht, die 1920 in Paris geraucht wurde, das ärgert mich wahnsinnig. Ich gehe gerne von einem Wort aus, einem Duft. Die Faszination, die allein von dem Wort Sansibar in Alfred Anderschs "Sansibar oder Der letzte Grund" ausgeht - so möchte ich auch arbeiten.

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