Kultur : Zwei Beine, die die Welt bedeuten

„Der Tänzer“ als Legende: Colum McCanns furioser Roman über Rudolf Nurejew

Günther Grack

Dieser Bilderbogen einer Tänzerlaufbahn, ausgemalt mit bunter Leuchtkraft, gespannt und getragen mit federnder Energie, wird eingerahmt von zwei Listen, die sich auf Aufzählungen beschränken. „Paris 1961 – Was in seiner ersten Saison auf die Bühne geworfen wurde“, diese Liste beläuft sich auf 18 Objekte, Blumensträuße, Liebesbriefe, Damenslips, aber auch Glasscherben, ausgestreut von protestierenden Kommunisten, und ein Porträt des Kosmonauten Juri Gagarin mit der Unterschrift „Flieg, Rudi, flieg!“. „Januar und November 1995, New York und London – Versteigerung der Rudolf-Nurejew-Sammlung“, hier sind aus über tausend Nummern neun ausgewählt, darunter ein Kostüm für „Schwanensee“, das fast 30000 Dollar erbrachte, und sechs Paar Ballettschuhe, die auf rund 45000 Dollar stiegen, beide Male zirka das Zehnfache des Schätzwertes. Die „Danksagung“, mit der Colum McCann sein Buch abschließt, erstreckt sich immerhin über zwei Druckseiten, hebt dabei die Biografie „Nurejew“ von Diane Solway hervor – und dennoch pocht der Autor auf künstlerische Freiheit: „Dies ist ein Roman.“

„Der Tänzer“ hebt mit eleganten Sprüngen über die Grenzen zwischen Recherche und Fiktion hinweg. Sein Kriterium steht gleichwohl fest: Glaubwürdigkeit. Dass er ihr gerecht wird, erweist einmal mehr die Könnerschaft des 1965 in Dublin geborenen, heute in New York lebenden Autors, der bei Rowohlt bereits zwei Storysammlungen und zwei Romane veröffentlicht hat.

„Sowjetunion 1941-56“ ist das erste Kapitel des „Tänzer“-Romans überschrieben; es setzt ein mit dem Abwehrkrieg von Stalins Reich gegen Hitlers Armeen, nimmt im Spätwinter des Jahres 1944 die Eisenbahnzüge ins Blickfeld, wie sie Verwundete von der Front in die baschkirische Stadt Ufa transportieren, gesehen mit den Augen eines Sechsjährigen, der dort auf der Klippe über dem Fluss Belaja hockt und auf die Heimkehr seines Vaters wartet. Rudik tut sich bei den tatarischen Volkstänzen hervor, die eine Kindertruppe im Lazarett aufführt, kriegt schon mal einen Zuckerwürfel als Belohnung, dreht abends, wenn Mutter schläft, den Knopf am Radioapparat, bis es Punkt Mitternacht Musik aus Moskau gibt: Tschaikowsky. Vater, nach Hause gekommen, so fremd wie streng, sieht in dem Sohn schon den künftigen Arzt oder Ingenieur; Anna aber, eine alte Dame, die es aus Leningrad, wo sie Mitglied des Kirow-Balletts gewesen war, in die Provinz verschlagen hat, weiß bereits nach einer Unterrichtsstunde, „dass aus dem Jungen etwas Besonderes werden könne“.

Mit dem Wechsel des 18-Jährigen 1956 nach Leningrad an die Ballettschule wechselt auch die Erzählperspektive. Der allwissende Erzähler des Anfangs wird abgelöst von Annas Tochter, von einem Studienkollegen Rudiks, von der Frau des Ballettdirektors, von dem aufstrebenden Tänzer selbst, der – nach dem Motto seines Lehrers: „Vollkommenheit ist Pflicht“ – im Telegrammstil Maximen seines Trainings notiert. Auch ein anonymer Homosexueller kommt zu Wort: mit einer Schilderung des nächtlichen Treibens am Jekaterinenplatz.

Angst vor den Agenten

Die entscheidende Zäsur im Leben des Shootingstars – Nurejew setzt sich 1961 bei einem Gastspiel des Kirow-Balletts in Paris von seiner Truppe ab – wird aus wiederum anderer Sicht reflektiert: Tamara, die Schwester des „Verräters“, hält in einem Tagebuch fest, wie sie und ihre Eltern darauf reagieren. Voller Sorge für sich selbst, aber auch um Rudik, der seiner Mutter am Telefon in tatarischer Sprache anvertraut hat, er habe „Angst, Geheimagenten könnten ihm die Beine brechen“. So weit kommt es nicht, es bleibt bei jenen Glasscherben, die dem Tänzer auf der Pariser Bühne vor die Füße geworfen werden. Die stalinistische Staatssicherheit verurteilt ihn in Abwesenheit zu sieben Jahren schwerer Zwangsarbeit – die Bekanntgabe des zuständigen Komitees der Stadt Ufa ist im Wortlaut eingerückt.

Mit dem Eintritt in die freie Welt wechselt der Tänzer nicht nur seinen Rufnamen zu Rudi, auch die Sprache, in der von seinem Werdegang erzählt wird, gewinnt sprunghaft an Freiheit. Auf das Porträt eines Londoner Schuhmachers, spezialisiert auf nach Maß gefertigte Ballettschuhe, „die Breite der Ferse, die Hornhäute, die Knochenvorsprünge“ des Auftraggebers, folgt ein Tagebuch, in dem Rudi seine Erfahrungen in der neuen Umgebung notiert, auch glossiert, Begegnungen mit Kennedy, Warhol, Hendrix, mit Erik Bruhn, dem Freund und Rivalen, der verehrten Margot Fonteyn, deren Devise er sich zu Eigen macht: „Immer dafür arbeiten, beweglich zu bleiben.“ Und abermals wechselt die Perspektive: „New York 1975“, ein Kapitel von fast 50 Druckseiten, fokussiert sich auf einen gewissen Victor, der zusammen mit seinem „guten Freund Rudi Nur-Eierew“ einen Parforceritt durch die nächtliche Metropole einer schrankenlosen sexuellen Promiskuität unternimmt – eine Herausforderung auch, was die vom deutschen Übersetzer Dirk van Gunsteren bravourös bestandene sprachliche Anverwandlung betrifft.

Der Kontrast zum heimatlichen Milieu könnte größer nicht sein. „Die einzige Trauer: Vater hat mich nicht tanzen sehen“, quittiert der Diarist den Tod des Mannes, vor dessen Augen er sich nicht hat behaupten können. Später, 1987, als er in der Gorbatschow-Ära nicht mehr zu befürchten hat, dass man ihn einbuchtet, fliegt er nach Ufa zum Familienbesuch. Sein Visum ist auf 48 Stunden befristet. Seine Mutter, todkrank, erkennt ihn nicht mehr. Mit dem Abflug aus Russland endet das Buch. Eine letzte Pirouette in der Flughafenhalle, „und dann war er fort.“ Die fünf Jahre, die der reale Rudolf Nurejew noch zu leben hat, bis er am 6. Januar 1993 in Paris den Folgen der Immunschwäche Aids erliegt, erspart Colum McCann sich und seinem Helden. Eine Biografie will „Der Tänzer“ nicht sein. Eine fesselnde Huldigung für einen entfesselten Körper und beschwingten Geist ist dieser Roman allemal.

Colum McCann: Der Tänzer. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003. 474 S., 22,90 €

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