Kultur : Zwei Bücher über die alternative Kulturszene der Stadt

Eva Stern

Mit einem Netzwerk von Kapiteln, Unterkapiteln und Querverweisen macht uns Claudia Wahjudi mit mutigen und skurrilen Kulturentwürfen hinter der auf Hochglanz ausgestellten Hauptstadtkultur bekannt. Dabei lernen wir auch eine Handvoll Freunde kennen, die ihrerseits zwischen Beziehungsstress und Dissertationsdruck, Familienbesuch und Partygelaber wie optimistische Insekten in einem Spinnennetz zappeln. Die Vernetzung beider Systeme bildet die Struktur des soeben erschienenen Paperbacks.

Wenn die Autorin, Jahrgang 1965, in das "Flair der Transformationszeit" eindringt, bewegt sie sich auf vertrautem Terrain. Sie hat für die "taz" über unabhängige Kulturproduktionen geschrieben, ist seit fünf Jahren Redakteurin beim Stadtmagazin "Zitty" und arbeitet für Kunstzeitschriften. Darüber hinaus hat sie die Begabung, Menschen in ihren Alltagsräumen so agieren zu lassen, dass der Außenstehende wie nebenbei auch viel vom Lebensgefühl ihrer Generation in der unübersichtlich zusammenwachsenden Stadt erfährt.

Die Kennerin unabhängiger Berliner Kultur hat nicht den Anspruch, diese ästhetisch zu bewerten oder systematisch darzustellen. Ihre erzählerischen Reportagen sind mehr als ein Stadtführer durch die alternative Kunstszene. Zwar wird die Entwicklungsgeschichte der Vorzeigehäuser, wie Tacheles und Bethanien, Podewil und Prater, aufgerollt, aber die unzähligen verborgenen, touristisch nicht erschlossenen Orte in alten Fabriketagen und Wohnungen müssen erst aufgespürt werden. Eingeweihte wissen sowieso, wen sie in der Halfloop-Lounge oder in der Galerie berlintokyo treffen können. Wahjudis Sprache wechselt von einem persönlichen, mit Infos gespickten Reportagestil zum Jargon. Sie kann so die "Synergieeffekte" erklären, die in der Schlegelstraße durch "die Konzentration von Künstlergruppen und Clubs an einem zentralen Ort mit transistorischem Ambiente" entstehen.

Wie kurzlebig viele, mit großer Begeisterung begonnene Experimente sind, wird am Ende der Exkursionen belegt. Räumungen drohen immer wieder, weil der Investor an die Türe klopft, die Berliner Haushaltssperre lässt unsichere Geldquellen ganz versiegen. Während dieses Loopings durch die Berliner Szene von 1997 bis Anfang 1999 sind "temporäre Galerien" verschwunden, private Clubs abgestürzt, und das Staalplaat-Label hat seinen Standort gewechselt.



Mit den Hochhäusern am Potsdamer Platz wird auch der Stapel der Berlin-Bücher weiterwachsen. Um aktuell zu bleiben, müsste dieser knapp 300 Seiten dicke Band aus der Metropolis-Reihe von Ullstein fortgeführt werden. Wer weiß, wo im Creative Village Julia und Andreas dann wohnen, in welche Galerien und Clubs sie pilgern und wo sie wieder "hippe" Ecken entdecken? Vielleicht holen sie sich schon zu Beginn des nächsten Jahrtausends den allerneuesten Überblick von einem Server per Internet in die Wohnküche.



Mit dem Anspruch, "die erste repräsentative Darstellung der jungen Berliner Kulturszene zu liefern, haben hingegen drei Autorinnen 50 Projekte unter dem Titel "Berlin. Now." zusammengefasst. Dieser deutsch-englische Hardcover-Band entstand in Kooperation mit der Gesellschaft Partner für Berlin sowie der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur.

Almut Bankert, Elisabeth Breitkopf und Anke Michaelis beschränken sich auf reine, mit Schwarz-Weiß-Fotos und graphischen Elementen aufgelockerte Informationen. Sie zeigen auf, dass sich "Junge Kultur" heute spartenübergreifend entwickelt. Traditionelle Disziplinen vernetzen sich mit dem Medienbereich, Mode und Design. Den Sturz in den wirtschaftlichen Abgrund will man vermeiden, indem man sich zu einem gemeinsamen Label zusammentut. Abschließbare Projekte werden bevorzugt. Das Buch soll einen Moment in der ständigen Entwicklung festhalten.Breitkopf/Anke Michaelis: Berlin. Now. 50 Projekte junger Kultur. Bostelmann & Siebenhaar Verlag, Berlin 1999. 144 Seiten, 28 DM.



Claudia Wahjudi: Metroloops. Berliner Kulturentwürfe. Ullstein Taschenbuch, Berlin 1999. 287 Seiten, 22 DM; Almut Bankert/Elisabeth

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