Kultur : Zwei Donuts an Seerosenblüte - Frank Gehrys spektakulärer Bau

Eva Schweitzer

Wie eine silberne Wolke soll es sich über dem East River erheben: das neue Guggenheim-Museum, entworfen von Frank O. Gehry, das am Dienstag, nach zwei Jahren Tauziehen hinter den Kulissen, endlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Das Gebäude ist nach Gehrys spektakulärem Neubau für die Guggenheim-Dependance in Bilbao das zweite Haus, das der kalifornische Stararchitekt für das in New York beheimatete Museum bauen wird. Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem spanischen Haus ist nicht zu verleugnen, auch wenn Gehry versichert, Bilbao nicht wiederholen zu wollen.

Noch ist die Genehmigung nicht erteilt, um das Museum am vorgesehenen Standort errichten zu dürfen, nämlich auf mehreren alten Piers im Hafenbecken von Downtown Manhattan südlich der Brooklyn Bridge, auf Höhe der Wall Street. Das Haus konstrastiert dort scharf mit den glatten Wolkenkratzern des Finanzviertels. Aber die Piers gehören der Stadt, und Bürgermeister Rudolph Giuliani, der ohnehin ein gespanntes Verhältnis zur Museumsszene hat, hat über den vor über einem Jahr eingereichten Antrag der Guggenheim Foundation noch nicht entschieden. Giuliani, heißt es, sei verschnupft, weil er von den Plänen aus der Zeitung erfahren habe.

Ein erster Wunsch-Standort der Guggenheim-Foundation an der West Side von Manhattan, ebenfalls am Wasser, war von der Stadt verworfen worden. Und für den Bauplatz am East River, den das Museum nun anstrebt, gibt es noch einen zweiten Bewerber. Gleichwohl spricht Guggenheim-Direktor Thomas Krens von einer Zusammenarbeit mit der Stadt. Ohnehin gebe es keinen Zeitdruck: Weitere zwei Jahre der Entwurfsplanung und der Abstimmung mit städtischen Gremien und Bürgergruppen sind nötig. Auch Alternativ-Standorte seien offen, solange sie am Wasser liegen. Einen Bauplatz außerhalb von Manhattan habe man nicht im Auge. Noch nicht.

In dieser Woche nun also ein erster Blick auf die Pläne: Der eigentliche Museumskörper samt Ausstellungsfläche wird über dem Wasser schweben. Er wird von einem halben Dutzend verschieden breiter Säulenbauten getragen, von denen ein Teil an der Kaimauer, ein Teil bis zu 30 Meter unterhalb der Wasseroberfläche im Gestein gründen wird. Die Ausstellungsräume werden von silbrigen Bändern, vermutlich aus Titanium, umwickelt sein. So ähnelt das Modell einer metallenen Wolke oder einer Seerosenblüte. Man kennt das, vom Opernhaus in Sydney.

Inmitten der silbrigen Wolke sind zwei Lichthöfe vorgesehen. "Die Grundidee war eine Form, die wie zwei Donuts aussieht, und dort, wo bei den Donuts das Loch in der Mitte ist, sind beim Museum die Lichthöfe", erläutert Frank Gehry. Dadurch bekommen nicht nur die 36 einzelnen Galerien des Museums mehr Licht, auch der Platz darunter mitsamt dem Atrium wird von der Sonne erhellt. Gehry kann sich dort eine Kunsteislaufbahn vorstellen, einen Park oder eine Promenade am Wasser: "Die Besucher sollen stundenlang sitzen können, so wie auf den Stufen des Metropolitan Museum of Art."

Zwischen den "Donuts" wird ein kleinerer Turm hervorragen, in dem der Architekt "Skyboxes" unterbringen will, eine Art vergrößerte Logen für die Sponsoren des Museums, die hier ihre private Ausstellungen veranstalten, das "Product Design" ihrer Firmen zeigen oder zu privaten Festen einladen können. Wie fast alle Kunst in den USA ist das Guggenheim auf private Sponsoren angewiesen: 900 Millionen Dollar sind für das Haus veranschlagt, davon allein 500 Millionen für die Konstruktion. Die Hälfte der rund 50 000 Quadratmeter werden reine Ausstellungsfläche sein - ein Vielfaches von dem, was im alten Haus, dem Frank Lloyd Wright-Bau am Central Park, zur Verfügung steht, der für die Sammlung der Guggenheim-Stiftung längst zu klein geworden ist. Die übrige Fläche soll für Technik, vier oder fünf Museumsshops, mehrere Restaurants sowie für die Büros der Verwaltung zur Verfügung stehen, die jetzt über mehrere Standorte in Manhattan verteilt ist. Im heutigen Haupthaus soll die Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbleiben, während die Nachkriegskunst vollständig in dem Haus am Wasser unterkommen soll.

Auch Filme sollen im Neubau gezeigt werden, außerdem steht ein Theater mit 1200 Plätzen zur Verfügung. Für "Governors Island", einer derzeit noch brachliegenden Insel, ist ein Skultpurengarten im Gespräch. Von einem Fährhaus aus können die Museumsbesucher dorthin übersetzen.

Gehry wird das Haus - dessen Konstruktion an die sechs Jahre dauern wird - nicht alleine errichten: Bei der komplizierten Berechnung des schwebenden Baukörpers wird das Architektenbüro von Skidmore, Owings and Merill (SOM) Hilfestellung leisten. Mit dem neuen Guggenheim hätte der Umbau Manhattans zum "Festival Marketplace" für Touristen auch die Downtown erreicht. Die "Pier 17", ein altes Lagerhaus wenige hundert Meter nördlich vom Museums-Bauplatz gelegen, wurde bereits zur Shopping-Mall für New-York-Besucher hergerichtet. Das neue Guggenheim soll nun 2,5 bis 3,5 Millionen Touristen im Jahr anziehen - vielleicht ein Grund, dass Giuliani doch die Genehmigung erteilen wird. Wenigstens hat Gehry kürzlich einen Fan des Museums aus dem anderen politischen Lager getroffen. "Hillary Clinton hat das Modell gesehen, und sie mochte es", sagt der Architekt.Ein Modell des Museums sowie Skizzen und ein kleineres Modell vor der Skyline von Manhattan sind in den kommenden Monaten im Solomon R. Guggenheim-Museum ausgestellt. (1071 Fifth Avenue, Ecke East 89th Street.)

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