Kultur : Zwei Filme des Dokumentaristen Erich Langjahr

Werner Ginsberg

Ein blaugrauer Berg aus den Innereien einer Kuh, deren Bauch man soeben einen Metzger aufschlitzen sah, prasselt gegen ein rotierendes Mahlwerk, das das Geschlinge der Därme in kleinste Partikel zerstäubt. Am Ende der Fertigungslinie füllt ein Arbeiter das Tiermehl in Säcke ab. Die tote Kuh dient den jüngeren Artgenossen zur Nahrung und bereichert so unseren Tisch auf kostengünstige Weise.

Erich Langjahr, als Dokumentarist seit langem ein Sachwalter der Schweizer Demokratie, achtet in seinem zornigen FilmPamphlet "Bauernkrieg" auf die Gesichter der Leute, die solche Arbeit verrichten. Es sind fleißige Fließbandarbeiter, die sich keine Liebe zum Tier mehr leisten können. Es geht bergab mit dem Bauernstand - wie Langjahr "zum 150. Geburtstag der modernen Schweiz" warnend zu verstehen gibt.

Den Rahmen des 1998 entstandenen Films bilden Demonstrationen Tausender aufgebrachter Bauern in Luzern und Bern gegen den Beitritt zum Gatt-Abkommen, von dem die Landwirte eine weitere Talfahrt der Agrarpreise befürchteten. Drei Pächterfamilien berichten, warum sie ihre Wirtschaft aufgeben mussten. Die Arbeit in der Natur und mit den Tieren hat ihnen Freude bereitet, erinnern sich alle mit Wehmut, während draußen die besten Stücke unter den Hammer kommen. Nicht weit von den Höfen drehen sich die Kräne: Als Bauland verspricht die Erde besseren Gewinn.

Auch in seinem fünfzehnten Film sagt Langjahr kein einziges Wort. Die Vorgänge selbst sind beredt genug. Einmal fixiert die Kamera, Instrument der aufgestauten Wut, das übergroße, von dicken Adern überzogene Euter einer Milchkuh, die außer dem Gang zum Melkstand keine Bewegung mehr kennt. Die Tiere werden zu Leistungsmaschinen gezüchtet, ihre natürlichen Bedürfnisse spielen keine Rolle mehr. Wen wundert es, dass der Mensch über dem Wahnsinn der Überproduktion selber wahnsinnig wird, indem er der vom Tiermehl verursachten BSE-Seuche zum Opfer fällt?

"Bauernkrieg" gleicht einem Aufschrei. Die "Sennen-Ballade" nimmt sich wie ein ethnographisches Dokument aus und ist in ihrer Beiläufigkeit typischer als der polemische "Bauernkrieg". Bevor das bäuerliche Leben in der Schweiz vom Fortschritt überholt wird, hat es Langjahr noch einmal im Bild festgehalten und ein Jahr lang mit der Filmkamera (kein Video!) das Leben einer Sennenfamilie in der Ostschweiz beobachtet. Der feierliche Auszug im Frühjahr und die festliche Rückkehr im Herbst veranschaulichen die Tradition; mehr noch beeindrucken die Arbeitsschritte vom Entrahmen der Milch bis zum fertigen Käselaib oder das Schleudern der Butter per Hand.

Die Kinder der Familie kommen bevorzugt ins Bild. Von früh an nehmen sie diesen Lebensrhythmus in sich auf, die Tiere sind ihre Spielgefährten, aber ob sie die Wirtschaft einmal fortführen, hängt nicht nur von ihnen ab. Wie Strophen einer Ballade sind die Episoden aneinandergereiht, und mit den Szenen vom Tanz der Masken auf den winterlichen Straßen hat Langjahr wohl einen der schönsten Bräuche der Schweiz festgehalten.

"Sennen-Ballade" und "Bauernkrieg", Teile einer noch unabgeschlossenen Trilogie, wurden auf dem Dokumentarfilmfestival in Leipzig und anderswo mit Preisen geehrt. Sie nun, wenn auch zeitlich getrennt, im Kino sehen können, gehört zu den kleinen Wundern, die am Rande der Globalverleihe hin und wieder möglich sind. Was würde Franz von Assisi zu Langjahrs Filmen sagen?, fragte ein Beobachter. Aber der Regisseur predigt nicht den Vögeln, er fasst vielmehr, wenn er von der Liebe zum eigenen Hof und zum Tier spricht, die Grenze zwischen Vernunft und Hybris ins Auge."Sennen-Ballade": 16.-22. März, "Bauernkrieg": 23.-29. März, beide im fsk

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