Zwei Kunststädte: Berlin vs. München : Schwaberg und Kreuzing

Für Thomas Mann war München eine "leuchtende" Kunstmetropole. Ein bisschen Schwabing findet man aber auch in Berlin - gerade jetzt zur Art Week. Ein Vergleich.

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Tür in Kreuzberg
Ein bisschen Schwabing in Berlin: Kreuzberg.Foto: Carmen Schucker

Man ist von Erwerbsgier nicht gerade gehetzt und verzehrt dortselbst“, schrieb Thomas Mann, „sondern lebt angenehmen Zwecken.“ Wie? Sollte der größte deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts auch über Berlin geschrieben haben? Oh nein. Er sprach derart, kurz nach 1900, über seine Wahlheimat München, in einer weithin vergessenen Erzählung mit dem für heutige Leser in der Regel unverständlichen Titel „Gladius Dei“. Sie ist nur durch ihren Anfangssatz in Erinnerung, „München leuchtete“ – auch wenn dieser stets zu „München leuchtet“ verkürzt wird, als habe Thomas Mann eine bleibende Eigenschaft Münchens beschrieben und nicht lediglich die vergängliche Stimmung unter dem „Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages“.

Doch natürlich folgen einige allgemeinere Aussagen. „Die Kunst blüht, die Kunst ist an der Herrschaft, die Kunst streckt ihr rosenumwundenes Zepter über die Stadt hin und lächelt“, heißt es bei Mann weiter. Ganz so blumig würde man es heute nicht mehr sagen, auch nicht in Berlin, da die „Berlin Art Week“ eben diese Herrschaft über die Stadt antritt, die zwar nicht jenes renaissancesche München der Mann-Zeit ist und sich auch ihre einstigen Rufes als „Spree-Athen“ nicht mehr erinnert, aber eben eine Kunstmetropole heutigen Zuschnitts. „Jedes fünfte Haus lässt Atelierfensterscheiben in der Sonne blinken“, hat Mann damals beobachtet, doch auch das galt nicht für ganz München, sondern vornehmlich für den Bohème-Stadtteil Schwabing, in dem Mann seinerzeit lebte. Das mit den Atelierfenstern trifft für Berlin nun rein gar nicht zu – hierorts müssen es Lofts sein, und ob das Tageslicht da exakt aus Norden hereinscheint, ist den Künstlern wohl herzlich egal.

Das Berliner Schwabing, alias Kreuzberg

Aber so im Ganzen hat sich nicht viel verändert, seit Thomas Mann in der Erzählung „Gladius Dei“ über die Kunst und die ihr gewogene Stadt schrieb. Auch hier und heute ist man von Erwerbsgier nicht gerade verzehrt; man lässt es sich jedenfalls nicht anmerken, schon gar nicht im Berliner Schwabing alias Kreuzberg. Allenfalls im Verstohlenen gilt, was nun ausgerechnet Bismarck einmal beobachtet hat, dass nämlich Bankiers untereinander immer von Kunst reden, Künstler hingegen stets vom Gelde. Allerdings, vom Gelde reden und sich von Erwerbsgier hetzen lassen, ist zweierlei. Schon gar in Berlin, das in dieser Woche im Zeichen der Kunst leuchtet, zwar nicht unter der Sonne eines Junitages, dafür aber hoffentlich unter der des September.

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