Kultur : Zwei Männer, eine Brücke

Simon & Garfunkel gingen einander stets auf die Nerven. Nun kehrt das Star-Duo für zwei Konzerte nach Deutschland zurück

Steffen Irlinger

Vor anderthalb Monaten, lange bevor sie als wiedervereinigtes Odd Couple des Pop nach Europa aufbrachen, legten Paul Simon und Art Garfunkel eine beeindruckende Performance hin: In einem Interview mit dem amerikanischen Radiosender „NPR“ schildert Simon etwas langatmig die schwierige Entstehungsgeschichte von „Bridge Over Troubled Water“. Da unterbricht Garfunkel die Erzählung seines Kollegen mit dem Hinweis, er habe – im Gegensatz zu allen anderen – den Song sofort geliebt. Worauf Paul Simon leicht irritiert seinen Partner daran erinnert, dass dieser den Song anfangs gar nicht singen wollte. Und es folgt ein mehrminütiger Austausch abweichender Erinnerungsfragmente, bei dem der Moderator alle Mühe hat, das Interview nicht abbrechen zu müssen.

So geht es also zu bei Simongarfunkels. Welch eine Ironie, dass zwei Musiker, die mit gefälligen, harmoniesatten Songs über den inneren Frieden und die äußere Freiheit zu den Superstars der späten Sechzigerjahre aufgestiegen waren, die letzten Jahrzehnte offenbar damit zugebracht haben, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Wären Paul Simon und Art Garfunkel allerdings nur zwei kuschelige Wohlfühljunkies, denen die Langeweile der Nachkarriere zu schaffen macht, sie hätten sich das schwierige Miteinander ersparen können. Aber was, wenn sich die beiden Recken nach fast 30 Jahren Terror plötzlich doch noch auf altersmilde Weise lieb gewonnen haben? Das war die Kardinalfrage bei dem ersten der beiden Deutschlandkonzert des Duos, das in der Köln-Arena stattfand (nochmals am 28. Juli im Münchner Olympiastadion). Würde es mehr sein als routiniertes Wohlfühlprogramm für wohlstandsverwöhnte 68er, die in ihren Logen noch einmal den Summer of Love heraufbeschwören?

Es zeugte jedenfalls von Humor, dass die beiden 62-jährigen Künstler ihren Auftritt mit „Old Friends“ eröffneten. Zwei Stimmen, eine akustische Gitarre und ein kleines Heimvideo, mehr brauchte es nicht um das Publikum zu gewinnen. Dennoch geriet die erste Viertelstunde etwas verhalten, und es dauerte, bis Garfunkels entrückte Tenorstimme auf Touren kam. Gefeiert wurden sie natürlich trotzdem. Doch erst, nachdem die beiden Hauptdarsteller die Bühne kurzzeitig ihren musikalischen Vorbildern, den Everly Brothers, überlassen hatten, kam die Maschinerie ins Rollen. Von einer eigenen Band unterstützt, schwangen sich die Folk/Rock-Veteranen zu einer mitunter sehr anrührenden Show auf. Souverän manövrierten sich die neun Musiker durch das Best-of-Programm („The Boxer“, „Mrs. Robinson“) und gewannen auch gefürchteten Schnulzen wie „Scarborough Fair“ eine erfreulich frische Note ab. Paul Simon und Art Garfunkel winkten dabei unentwegt ins Publikum und folkrockten, dass es eine Freude war.

Irgendwann war es dann doch vorbei. Etwas verlegen standen die beiden da, um sich ein letztes Mal feiern zu lassen. Ein seltsames Gespann. Zwei Männer, die sich seit über 50 Jahren kennen. Sie haben gerade ein ziemlich triumphales Konzert hinter sich und sich dabei auf fast beängstigende Weise stimmlich ergänzt. Alle freuen sich. Trotzdem weicht Paul Simon instinktiv zur Seite, als Art Garfunkel mit ausgebreiteten Armen auf ihn zugeht. Mehr als eine stokelige Pseudo- Umarmung kommt nicht zustande.

Aber vielleicht ist das ihr Geheimnis – dieses unaufgelöste Spannungsverhältnis, das ihre Musik aus dem Mainstream herausgehoben und tief in den Emotionszentren der Menschen verankert hat. Irgendeinen Grund muss es ja haben, dass 15000 Menschen bereit sind, sich zwei Stunden mit einem kleinwüchsigen Kontrollfreak und einem leptosomen New Yorker mit Frisurproblem in eine ganz und gar reizlose Mehrzweckhalle einsperren zu lassen, nur um anschließend trotz überhöhter Ticketpreise und schalem Bier glücklich und beseelt in die Nacht hinauszustolpern.

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