Kultur : Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr träume

WETTBEWERB In „Nobody’s Daughter Haewon“ ist alles wie immer bei Hong Sangsoo. Und das ist schön so.

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Zart und deutlich. Die Studentin Haewon (Jung Eunchae) und ihr Professor. Foto: Berlinale
Zart und deutlich. Die Studentin Haewon (Jung Eunchae) und ihr Professor. Foto: Berlinale

Französische Filme zeichnen sich in diesem Berlinale-Wettbewerb durch zwei Besonderheiten aus: Cannes würde sie nie und nimmer um die Goldene Palme konkurrieren lassen. Berlin aber rollt ihnen wegen der anreisenden Stars allemal den roten Teppich aus. Deneuve, Binoche, Huppert: Hauptsache, Glamour.

Und nun noch Jane Birkin? Alles ganz anders: Sie kommt nicht nach Berlin, hat nur einen Cameo-Auftritt – in einem koreanischen Film. Außerdem ist ihr gänzlich unglamouröser Mini-Moment als Touristin in „Nobody's Daughter Haewon“ schlicht reizend. Sie fragt die Hauptfigur Haewon (Jung Eunchae) nach dem Weg, Haewon macht Birkin ein ungelenkes Kompliment wegen deren toller Tochter, Birkin sei aber auch sehr schön. Und schon hat Haewon, sollte sie je nach Paris reisen, Birkins Handynummer und eine Einladung zum Abendessen in der Tasche.

Die kleine Szene – und es gibt eine Fülle charmanter Augenblicke in diesem Film – zeigt zugleich beiläufig, wie unendlich verschieden Europäer und Asiaten ticken. Kleine Berührungen oder gar eine Umarmung zum Abschied? Für die Französin kein Problem. Haewon überwindet sich, lächelnd.

Jetzt aber die Geschichte! Klar gibt es eine Geschichte, wie es etwa in Eric Rohmers Filmen Geschichten gibt, die so ineinanderfließen wie die Geschichten in den Filmen von Hong Sangsoo. Aber ist sie so wichtig wie der scheinbar beiläufige Blick darauf, wie sorgsam selbst einander nahe Menschen einander eigenen Schmerz vorenthalten, nur um einander nicht wehzutun? Oder so wichtig wie die Szenerie von Studenten, die mit ihrem Professor heftig Soju-Schnaps trinken nach festen Ritualen, bis da und dort Wahrheit peinlich sichtbar wird in der penibel verwalteten Ordnung der Seelen?

Also gut: Haewons Mutter wird morgen für immer nach Kanada gehen. Abschiedsgespräch in einem Café plus Parkspaziergang. Kaum Tränen. Haewon ruft anderntags ihren Filmprofessor Seongjun (Lee Sunkyun) an, mit dem sie eine Affäre hatte und vielleicht weiterhin hat oder bald endgültig nicht mehr oder doch. Die Sache ist ein Geheimnis, mit anderen Worten: sie ist kein Geheimnis. Und wer war nochmal der junge Kettenraucher, der vor dem Buchladen dieselben Dialogzeilen sagt wie ein anderer Professor mit Wohnsitz San Diego?

Situationen wiederholen sich, im Leben oder auch im Traum, und dass das eine das andere ist, wissen wir spätestens seit dem Frühbarock. Haewon wandert durch ein paar Tage oder auch Tagträume ihres Lebens – oder schläft sie oder schreibt sie Tagebuch oder spielt sie sich gerade ins Bild, während die Kamera sich aus der diskreten Totalen flink und dennoch diskret heranzoomt in eine zwischenmenschliche Situation? In „Nobody’s Daughter Haewon“ ist es wie immer bei Hong Sangsoo, und das ist schön so: Gar nichts versteht, wer im Kino immer alles verstehen will.

PS: Hier noch zwei Kulturhinweise für Deutungsbedürftige. Ein paarmal liest Haewon in „Über die Einsamkeit der Sterbenden“ von Norbert Elias, aber das letzte Wort ist durch einen Aufdruck der Uni-Bibliothek verdeckt. Und ihr Professor, den später doch ein Weinkrampf schüttelt – die Kamera ist zurückhaltend hinter ihm postiert –, hört dauernd via Kassettenrekorder eine Pop-Version des langsamen Satzes aus Beethovens Siebenter. Trauer, Trübnis, Abschied, gewiss. Zwischendurch aber kommt es zweimal zum Äußersten in diesem zarten Film, zum Küssen. Jan Schulz-Ojala

Heute 9.30 (Friedrichstadt-Palast),

10 (HdBF) und 22.30 Uhr (International)

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