Kultur : Zwei Schwestern von Welt

Das Wiener Palais Harrach porträtiert die Donaumetropolen Wien und Budapest zur Gründerzeit

Bernhard Schulz

Aus der Rückschau betrachtet, besaß die Donaumonarchie ihre Bühne in der Residenzstadt Wien; alle anderen Städte des Vielvölkerreichs versanken ihr gegenüber in der Langeweile der Provinz. Tatsächlich aber war die Spätzeit der Doppelmonarchie von der Konkurrenz ihrer beiden wichtigsten Gliedstaaten, Österreich und Ungarn, und ebenso von der ihrer Hauptstädte Wien und Budapest bestimmt. Die Scheidelinie markiert der „Reichsausgleich“ von 1867 (samt endlich vollzogener Krönung Kaiser Franz Josephs I. zum König von Ungarn), mit dem das von der Niederlage gegen Preußen schwer getroffene Reich zu neuer Stabilität fand. Der Preis dafür war die faktische Gleichberechtigung Ungarns, das nach der Teilung des Habsburgerreiches entlang des Flüsschens Leitha in ein österreichisches „Cis-“ und ein ungarisches „Transleithanien“ auch geografisch Gleichstand beanspruchen konnte.

Anschluss an die Moderne

1873 beginnt die Konkurrenz der beiden zunächst so ungleichen Städte gewissermaßen offiziell: Wien richtet eine Weltausstellung aus, um den Wiederaufschwung nach der Beinahe-Katastophe von 1866 zu demonstrieren, Budapest entsteht überhaupt erst aus der Vereinigung von Buda, der Königsstadt, dem Stadtteil Alt-Buda sowie Pest, der Bürger- und künftigen Industriestadt auf der anderen Seite der Donau. Doch die historische Ungleichheit der beiden Städte verschwimmt im von ihnen gleichermaßen betriebenen Anschluss an die Moderne, in der grundstürzenden Umgestaltung ihrer Gestalt und der forcierten Selbstdarstellung in Repräsentationsbauten, kurz: in der Schaffung einer neuen, als zeitgemäß empfundenen Kultur.

Es ist dies die Kultur der Franz-Josephs- Zeit, die Gründerjahre, den Fin-de-siècle und den Vorabend des Ersten Weltkriegs gleichermaßen umfassend, gespiegelt in der den Zeitgenossen immerwährend dünkenden Regierungszeit des Landesvaters, dessen Tod 1916 nach 68 (!) Regierungsjahren den Schwanengesang der Monarchie intonierte. Dieser Epoche von 1873 bis etwa 1918 ist die Ausstellung „Zeit des Aufbruchs“ gewidmet, mit der das Kunsthistorische Museum Wien in seiner Dependance Palais Harrach „Budapest und Wien zwischen Historismus und Avantgarde“ vorstellt.

Es ist eine grandiose Ausstellung; tiefschürfender und weit umfangreicher, als der unterkühlte Titel vermuten lässt. Mehr als 600 Objekte sind versammelt – ein Großteil, und das macht die Ausstellung besonders spannend, als Leihgaben aus ungarischen Museen. Fast scheint es, als ob die Ausstellung im stolzen Wien so etwas wie späte Genugtuung für die ewige Zweite im Städtewettstreit erringen soll.

Wäre dem so, es gelänge vollauf. Die in Zusammenarbeit mit dem Collegium Hungaricum entstandene Ausstellung lässt nichts weniger als eine Epoche wiedererstehen, freilich aus Budapester Blickwinkel – und siehe da, alles, was bis dato der kaiserlichen Residenz Wien zugeschrieben wurde, findet sich in ihrem königlichen Pendant donauabwärts wieder. Schmückte sich Wien nach der Entledigung vom mittelalterlichen Festungsgürtel mit der Pracht der Ringstraße, die dem ganzen Zeitstil den Namen geben sollte, zog Budapest mit einem ähnlichen Straßendurchbruch nach; leistete sich Wien 1869 ein Opernhaus als Bühne höfischer wie großbürgerlicher Selbstdarstellung, ließ Budapest nur vier Jahre darauf einen ebenso opulenten Neubau durch Miklós Ybl planen.

Die Konkurrenz hält an, so lange die k.u.k. Monarchie als Klammer funktioniert. Ob Historismus, Jugendstil oder bereits im Wetterleuchten des Krieges die Avantgarde des 20. Jahrhunderts: Stets bieten Wien und Budapest vergleichbare Energien und Talente auf. Interessanterweise, so behaupten zumindest einige Beiträge in dem überwältigenden 540-Seiten-Katalog, nehmen die Kultureliten beider Städte voneinander weit weniger Notiz, als es die Parallelität ihrer Schöpfungen vermuten ließe. Wien ist sich selbst genug, und Budapest schaut eher nach München und Berlin, um eigene Maßstäbe gegen die habsburgische Kapitale zu gewinnen.

Im historischen Abstand überwiegt indessen der Eindruck der Vielfalt innerhalb eines einzigen Zeitstils. Der auf geschichtliche Legitimation zielende Historismus füllt jeden Winkel und bestimmt alle Rituale; er kulminiert in jener operettenhaften Dekorationslust, mit der der Wiener Festumzug zur Silberhochzeit des Kaiserpaares 1879 zum Kostümfest aller Stände wird. Dem „Makart- Stil“, benannt nach dem Gesellschaftsmaler, ist ein ganzer Raum gewidmet. Beide Städte wetteifern um Bildnisse des Kaisers – und natürlich der Kaiserin Elisabeth, die nur im deutschsprachigen Raum zur „Sisi“ verniedlicht wird, in Ungarn aber als Königin Erszébet bis heute Verehrung genießt. Die unterschiedlichen Uniformen und Trachten der im Palais Harrach stilecht präsentierten Staatsportraits – etwa von Gyula Benczúr – vereinnahmen geradezu das Herrscherpaar für das ungarische Nationalbewusstsein.

Traum und Wirklichkeit

Der feine Riss im Reich, den die unterschiedliche Wertschätzung der Potentaten andeutet, bleibt gezähmt, so lange der kulturelle Wettstreit ein Ventil bildet; von Franz Joseph übrigens mit einer damals ganz untypischen Toleranz nicht nur geduldet, sondern geradezu gefördert. Die aufwändige Repräsentation der sorgfältig ausgestalteten Residenzschlösser – sowohl die Wiener Hofburg als auch die Budaer Königsburg finden in der späten Kaiserzeit ihre bleibende Form –, die öffentlichen Gebäude mit ihrem durchkomponierten Zierrat, die zahllosen Staats- und Memorialportraits, die Lust an Uniformen, Gewändern, Talaren, an Offizialgeschenken, Denkmälern, an tausenderlei Schmuck und Tand – all das bot Gelegenheit, unterhalb der Schwelle der Unbotmäßigkeit nationale Eigenheiten zu betonen, ja überhaupt erst zu entwickeln. Von alledem sind profunde Beispiele in der Wiener Ausstellung zu sehen, die nur auf den ersten Blick wie der Kostümfundus einer immerwährenden k.u.k.-Oper wirkt, auf den zweiten aber die Unterschiede inmitten der kulturellen Umwälzung der Kaiserzeit sichtbar macht. Vor allem aber ersteht das Bild einer selbstbewussten „Zweit“-Stadt Budapest, deren Leistungen auf keinem Gebiet hinter denen Wiens zurückstehen.

Wien ist in der kulturhistorischen Forschung – man denke an die 1980 erschienene, mit dem Pulitzer-Preis gekrönte Essaysammlung „Fin-de-siècle Vienna“ von Carl. E. Schorske – zur Metapher der frühen Moderne geworden, gleichbedeutend neben Paris oder Berlin. An diesem Bild, wie es Großausstellungen wie „Traum und Wirklichkeit. Wien 1870 – 1930“ im Jahr 1985 popularisiert haben, retuschiert die gegenwärtige Ausstellung nichts. Sie fügt ihm aber den Aspekt einer ebenso parallelen wie eigenständigen Budapester Entwicklung hinzu und relativiert dergestalt die Sonderrolle, die Wien stets zugeschrieben wird. Die Doppelmonarchie bot Raum für mehr als eine einzige Moderne, wie sie sich zwischen Ringstraße und „Secessions“-Gebäude, Hans Makart und Gustav Klimt, Franz Liszt und Gustav Mahler entfaltet hat.

Zumindest eine Liebe teilten beide Städte uneingeschränkt: die zur Operette, dem k.u.k.- Gemeinschaftsprodukt par excellence.

Wien, Palais Harrach, Freyung 3, bis 22. April. Katalog bei Skira, 542 S., 58 €.

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