Kultur : Zwei sehr ähnliche und sehr verschiedene ungarische Schriftsteller namens Sándor Tar

Jörg Plath

Diese Doppelrezension gilt zwei Büchern aus Ungarn. Es steht derselbe Autorenname auf den Umschlägen, Sándor Tar. Handelt es sich um dieselbe Person? Nach der Lektüre beider Werke sind die Zweifel übermächtig, die biografischen Angaben der Klappentexte verstärken sie. Beide lassen Herrn Tar 1941 in Ostungarn zur Welt kommen. Doch der Herr, der für die umwerfend komische Erzählung "Ein Bier für mein Pferd" verantwortlich zeichnet, hat einen "technischen Beruf (erlernt) und war als Industrielackierer tätig. Seit 1990 veröffentlicht er Prosa und arbeitet als Journalist." Der ungarische Autor des einstigen DDR-Verlags Volk & Welt beschritt also den Bitterfelder Bildungsweg. Der zweite Sándor Tar beansprucht die Urheberschaft für den literarischen Thriller "Die graue Taube" und ist dem Klappentext nach 1976 in Ungarn für seinen ersten Roman ausgezeichnet worden. Allerdings durfte dieser nicht veröffentlicht werden, was nach einer ziemlich unwahrscheinlichen Geschichte klingt: "Er schreibt abseits der literarischen Zirkel Budapests, so daß ihn das Ausland erst spät entdeckte." Der Eichborn Verlag weiß nichts vom Leben seines Autor vor 1989, aber dafür verhält dieser sich noch heute dissidentisch. Über die ebenfalls unterschiedlichen Konterfeis der Herren Tar und Tar auf den Einbänden wäre noch zu mutmaßen, aber dann kämen ihre Bücher zu kurz: Nichts hätten sie weniger verdient. Schließlich haben beide Tars 13 ungarische Literaturpreise erhalten.

Wo soll anfangen? Vielleicht mit dem Bier für Dorogis Pferd in Misis Kneipe: "Ich kann dem Luder das Saufen nicht abgewöhnen, sagt Dorogi ... Welchem Luder, fragt Misi, wir sind hier mehrere, wenn wir komplett sind ... Neulich hat der Gaul die Flasche verschluckt, fährt Dorogi da fort, wo er aufgehört hatte, so einen Brand hatte er, und sie ist noch nicht wieder raus. Es war eine Pfandflasche, sagt Misi muffelig, denn es ist noch früh am Tag, die Kneipe leer, und er muss in den Keller, Bier heraufholen. Er hat nie kapiert, wieso man es nicht gleich unten trinken kann, vor Ort, er hat es öfter probiert, und es hat etwas Beruhigendes, wenn man von Stapeln voller Flaschen umgeben ist. Das ist wie der traute Familienkreis, stimmt Sudák träumerisch zu, er hat es gleichfalls probiert, als Vereslaci irrtümlich bei seiner Frau schlief, ihn hatten sie in den Keller gesperrt, zu den Kästen." Fast eigenmächtig ziehen diese beduselten Gespräche ihre Kreise, von früh bis spät. Die meisten Dorfbewohner sind nach der Wende 1989 aus den Fabriken entlassen worden. Erst kam ihnen das Geld abhanden, dann die Potenz. Trinken können sie noch, auf Kredit. Der Alkohol verhilft den Opfern der Neuen Zeit zu untrüglichem Realitätssinn. Angesichts eines heiratswilligen Zugezogenen, der ein Brautkleid für fünfzigtausend Forint erstanden hat, erwägt ein Kneipengänger, eine "Beerdigung wäre billiger gewesen und ist auch schön". Als sich eine lebensmüde Nachbarin auf die Schienen legt, reagiert man gelassen; der tägliche Zug ist längst durch, das hätte sie wissen müssen. Sándor Tar erzählt seine tragisch-traurige, brüllend komische Burleske in kurzen Kapiteln. Direkte Rede, Reflexion, Beschreibung, Autorenkommentar gleiten in kunstvoll-lakonischem Ton gleichberechtigt ineinander. Durch die Zeilen dieser Kabinettstückchen lugt das im Sozialistischen Realismus populäre Genre der Dorfgeschichte. Dessen normativer Rahmen ist freilich verloren: Die moralische Instanz fällt aus, das Leben ist triebhaft und dabei unschuldig. Die Frauen huren, der Pfarrer auch, Kranke hehlen, fast alle Männer saufen, die Jugend wird verständnisvoll bei der ersten Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane beobachtet. Es ist alles kaputt, also alles in Ordnung.

In Sándor Tars zweitem Roman "Die graue Taube" geht gerade alles kaputt. Den Menschen bricht Blut aus Ohren und Nasen. Die Epidemie versetzt die Stadt in Schrecken. Einige Bewohner sind jedoch erfreut: Eine Mutter nutzt die Chance, ihren nichtsnutzigen Balg mit Hilfe zweier in die Nasenlöcher gebohrter Stricknadeln los zu werden; ein Familienvater wuchtet die schwergewichtige Ehefrau über die Balkonbrüstung. In den meist kurzen Schreckensszenen schält sich langsam das Phantombild eines gefährlichen "Taubenmannes" heraus. Sein Gegenspieler ist ein hardboiled Kommissar, dem Volkssport Trinken treu ergeben und eben noch suspendiert. Seine Ermittlungen treiben ihm eine kleine Familie zu: eine warmherzige Polizistin, die durch schlechte Erfahrungen mit Männern zur Zynikerin wurde, und ein verwilderter Jugendlicher mit strengen Ansichten über voreheliche Liebe.

Tar kostet solche Absurditäten genüsslich aus. Weniger rätselhaft wird die Roman-Handlung darüber nicht, zumal das Verbrechen überall ist, auch in der Polizei. Nicht zuletzt dank zahlreicher Actionelemente und Brutalitäten ist Tars film noir ungemein spannend. Die Atmosphäre lauernder Bedrohung bleibt als starker Leseeindruck haften. Nur das Ende mit Hinweisen auf Verschwörungen ehemaliger Staatssicherheits-Mitarbeiter wirkt etwas herbeigezwungen.

Mit "Ein Bier für mein Pferd" hat "Die graue Taube" das große, souverän dirigierte Personal und die fragmentierte, szenische Erzählweise gemeinsam. In beiden Büchern entwirft der Autor düstere Bilder eines Ungarn, das von jener unsichtbaren Hand verwüstet wird, von der der Theoretiker des Kapitalismus einst alles erhoffte. Bei dem Autor der Burleske und dem des literarischen Thrillers könnte es sich also doch um dieselbe Person handeln. Sicher ist jedoch nur der Autorenname: Sándor Tar.Sándor Tar: Ein Bier für mein Pferd. Roman. Aus dem Ungarischen von H. Skirecki. Volk & Welt 1999. 232 S., 32 DM.

Sándor Tar: Die graue Taube. Roman über das Verbrechen. Aus dem Ungarischen von K. Koenen. Eichborn, Frankfurt (Main) 1999. 308 S., 39,80 DM.

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