Kultur : Zwei Städte im Dreivierteltakt Woher kommt der Erfolg der Schau „Wien-Berlin“?

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Klassikerin. Gustav Klimts Porträt „Johanna Staude“ (1917 / 18) ist bis 27. 1. in der Berlinischen Galerie zu sehen.Foto: Belvedere Wien
Klassikerin. Gustav Klimts Porträt „Johanna Staude“ (1917 / 18) ist bis 27. 1. in der Berlinischen Galerie zu sehen.Foto:...

Ein Überraschungserfolg konnte die Ausstellung „Wien-Berlin“ eigentlich nicht mehr werden, dafür waren von vornherein die Ingredienzien zu vielversprechend: zwei Metropolen im Dreivierteltakt, das Flair des Fin de Siècle und die Superstars der Donaustadt, Gustav Klimt und Egon Schiele, endlich an der Spree. Wie erfolgreich die nun zu Ende gehende Schau tatsächlich geworden ist, das überraschte selbst die Macher der Berlinischen Galerie: 100 000 Besucher haben sie bereits gesehen, bis zu ihrem Ende am 27. Januar könnten es insgesamt 120 000 sein. Schlangen ziehen sich durch das Haus, es herrscht Gedränge um den besten Blick auf die schönen Salondamen, die hageren Großstadtintellektuellen. Nicht einmal die großen Fotoausstellungen des Museums für Moderne Kunst – DDR-Fotografie (86 000), Nan Goldin (80 000) und Berlin-Panoramen (70 000) – lockten so viel Publikum.

Ist es wirklich die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, nach Opulenz, Erzählstoff und eindeutig identifizierbaren Bildern, die so anziehend wirken? Nicht allein. Der Erfolg der Doppelschau beruht zunächst auf einem Defizit. Nie zuvor wurden die Wechselbeziehungen der beiden Städte im Bereich der Kunst untersucht, so wenig vorstellbar das erscheint. Für das Theater und die Literatur ist dies längst geschehen. Die Kombination mit der österreichischen Galerie Belvedere, die sich ihrerseits ebenfalls der Landeskunst annimmt, stellt für beide Partner die ideale Ergänzung als Leihgeber dar. Ab 14. Februar ist die Schau in Wien zu sehen, wenn auch um ein Drittel verkleinert auf 800 Quadratmeter mit Schwerpunkt Berlin.

Der fulminante Erfolg an der ersten Ausstellungsstation dürfte allerdings auf noch ein weiteres Defizit zurückzuführen sein. Nirgendwo sonst in Berlin ist diese Epoche bis in die Dreißiger so gut zu sehen. Die Neue Nationalgalerie hat bei ihrem Gang durch das 20. Jahrhundert gegenwärtig die zweite Hälfte erreicht, die erste lagert im Depot. Für die Staatlichen Museen müsste der Rekord von „Wien-Berlin“ eine Lektion sein, was die Dringlichkeit eines Anbaus für den Mies-van-derRohe-Bau betrifft, um Platz für die Klassische Moderne zu schaffen.

Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie, veranlasst die große Besuchernachfrage trotzdem nicht, den Schwerpunkt stärker in die Vorkriegszeit zu verlegen. Dafür sind solche Ausstellungen zu teuer, dauert die Vorbereitung zu lang, wie er sagt, auch wenn die Doppelschau einen Erfolg darstellt. Der Katalog ging bereits in die zweite Auflage. Sein Museum bildet das ganze 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart ab und engagiert sich insbesondere im zeitgenössischen Bereich, so sein Argument, mögen hier die Besucher auch jünger sein und ein geringeres Einkommen haben. Ausstellungen der Klassischen Moderne stehen nur alle drei Jahre auf dem Programm. Was für ein Glück, dass die Galerie 2015 vierzig Jahre alt wird und dafür außer der Reihe die Jubiläumsschau „Max Beckmann in Berlin“ geplant ist – voraussichtlich der nächste Renner. Bei Besucherumfragen stellte sich übrigens heraus, dass ein Drittel des jetzigen Publikums durch Mundpropaganda ins Haus gelockt wurde, fast wie in alten Tagen. Nicola Kuhn

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