Kultur : „Zwei Top-Opern sind finanzierbar“

Chefsache Kultur: Klaus Wowereit über Musik und Theater in Berlin – und seine schwere Wahl

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Herr Wowereit, ist Ihnen Schillers „Wallenstein“ geläufig?

Ja. Und?

Der Oberbefehlshaber wird von seinen eigenen Leuten verraten und erledigt.

Seine Feinde kann man einschätzen. Schwieriger ist es, wenn einen die Freunde im Stich lassen. Zumal, wenn es verdeckt geschieht. Das ist Stoff für Tragödien. Zum Glück ist es am Donnerstag keine geworden.

Was macht Sie da so sicher?

Ich bin Regierender Bürgermeister (lacht).

Herr Wowereit, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. – Im Ernst, sind Sie bei der Tragikomödie im Abgeordnetenhaus als der neue Kulturchef oder als Regierender Bürgermeister bestraft worden?

Weder noch. Motivforschung ist sinnlos, wenn man die Namen nicht kennt. Vielleicht ging es auch nicht gegen meine Person, sondern um irgendwelche andere Strategien. Aber Spekulationen führen zu nichts.

Sie kennen Ihre Pappenheimer nicht? Macht Sie das hauchdünne Ergebnis für die kommende Regierungsarbeit nervös?

Nein. Die Wahl des Regierenden Bürgermeisters ist so gut wie die einzige geheime Abstimmung. Das war ein einmaliger Vorgang. Ich bin sicher, dass unsere Mehrheit von drei Stimmen bei Sachentscheidungen trägt, da wird mit offenem Visier gestritten.

Ein neuer Stil scheint da auf. Opernstiftungsdirektor Michael Schindhelm kündigt plötzlich seinen Rückzug auf Raten an, und der scheidende Kultursenator Thomas Flierl hat am Montag noch schnell und heimlich einen Vorvertrag mit Thomas Oberender für die Intendanz des Deutschen Theaters geschlossen. Wird Oberender Intendant?

In Zeiten des Umbruchs, bei der Bildung eines neuen Senats, kommt es immer zu Hektik und Nervosität, und manch einer will noch schnell etwas erledigen. Ich schätze Herrn Oberender sehr, er hat in der deutschsprachigen Theaterwelt einen guten Namen. Herr Flierl hat sich für ihn entschieden. Aber wir bleiben dabei, dass Personalentscheidungen dann verkündet werden, wenn sie zu verkünden sind.

Kümmern Sie sich persönlich um diese Personalien? Suchen Sie die Intendanten aus?

In letzter Verantwortung, ja. Kulturstaatssekretär André Schmitz hat eine starke Eigenständigkeit, dafür ist er da. Er sitzt mit am Kabinettstisch. Die Gesamtverantwortung liegt aber auch in anderen Ressorts wegen der Richtlinienkompetenz beim Regierenden Bürgermeister. Das steht in der Verfassung. Alle tun ja so, als sei Kultur bisher eigenständig gewesen. Das stimmt nicht. Es gab ein Ressort für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Und es gab immer die Diskussion, ob der eine Bereich oder der andere zu kurz kommt.

Nun wird jede gelungene oder misslungene kulturpolitische Aktion an Ihnen hängen bleiben. Sie können keinen Kultursenator, womöglich aus einer anderen Partei, vorschieben oder kritisieren wie bisher.

Kultur ist von herausragender Bedeutung für Berlin. Auch mit Herrn Flierl, der mir übrigens zum Abschied ein Opernglas geschenkt hat, haben wir uns in der Vergangenheit abgestimmt, also ändert sich gar nicht so viel. Einen Freiraum für Kultur im Senat gab es in diesem Sinne nie. Außerdem fordert die Opposition doch ständig, bei allen möglichen Themen, Herr Wowereit, das müssen Sie zur Chefsache machen! Nun haben wir das umgesetzt. Kultur ist in der Tat Chefsache, und jetzt wird das merkwürdigerweise wieder kritisiert.

Die Opernstiftung haben Sie mit zu verantworten. Sie waren Regierender Bürgermeister, als sie gegründet wurde. Jetzt gefällt Sie Ihnen nicht mehr.

Sie hat mir in bestimmter Hinsicht noch nie gefallen. Denn sie suggeriert, dass sie Probleme löst, die so nicht zu lösen sind. Es ging darum, die Schließung einer Oper zu verhindern, wozu das Parlament damals fest entschlossen war. Und dann gab es diese Rettungsaktion durch das Konstrukt Opernstiftung. Ich wollte damals dem Generaldirektor der Stiftung mehr Entscheidungsbefugnisse einräumen, aber es sollte dann ja doch keine Generalintendanz geben.

Was Stiftungsdirektor Schindhelm, der wegen Ihrer Kritik an seiner Person aufgegeben hat, in seinem Papier auch fordert. Da sind Sie im Grunde einer Meinung.

Richtig. Wir geben viel Geld aus für drei Opern in dieser Stadt, aber es reicht nicht für drei Top-Häuser im internationalen Vergleich. Wir sind in der Lage, als Land Berlin zwei Top-Opernhäuser zu finanzieren. Jetzt finanzieren wir drei Opern mittelmäßig. Das ist der grundlegende Strukturfehler. Angela Merkel hat selbst 2003 im Bundestag die Position eingenommen, der Bund müsse für die Hauptstadt die Staatsoper übernehmen. Ich will nicht jammern oder fordern oder dem Bund irgendetwas vor die Füße werfen. Das ist die klare Analyse: Wir können drei Opernhäuser auch ohne die Hilfe des Bundes erhalten. Aber dann werden sie nicht die hohen Ansprüche erfüllen können.

Aber da waren wir doch schon vor Jahren. Was hat die Opernstiftung überhaupt gebracht?

Einerseits haben wir Zeit gewonnen. Drei Opern wurden erhalten, es hätte auch anders kommen können. Andererseits wurden auch Synergieeffekte überschätzt, man machte sich Illusionen. Schindhelms Grundfehler war, seine Vorschläge nicht mit den Betroffenen erörtert zu haben. Man muss doch mit der Intendantin Harms darüber reden, dass die Deutsche Oper zu einem Semi-Stagione-Betrieb gemacht werden soll, das wäre dann kein eigenständiges Opernhaus mehr. Zumal es diese Idee auch schon einmal für die Staatsoper gab. Wir müssen diese Situation jetzt klären.

Und was, wenn es mit der Renovierung der Staatsoper nicht klappt und der Bund auch auf lange Sicht bei seinem Nein zur Übernahme der Staatsoper bleibt. Wie sieht dann die Berliner Opernlandschaft aus?

Ich werde mit allen Beteiligten versuchen, die Dinge zu ordnen. Fragen Sie mich dazu noch einmal in fünf oder sechs Monaten.

Glauben Sie, dass Kirsten Harms ihrer Aufgabe an der Deutschen Oper gewachsen ist?

Ich glaube das.

Glauben Sie auch, dass das Humboldt-Forum respektive Stadtschloss gebaut wird? Warum setzt sich niemand mit Enthusiasmus dafür ein?

Das stimmt nicht. Viele Institutionen kämpfen doch dafür. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird hineingehen mit den außereuropäischen Sammlungen. Jetzt wird auf Bundesebene das Finanzierungskonzept erstellt. Ich bin da sehr optimistisch.

Haben Sie Herrn Neumann kürzlich getroffen?

Ich treffe den Kulturstaatsminister häufiger bei Terminen. Ich treffe auch die Kanzlerin in dieser Stadt.

Ihre letzte Begegnung mit Angela Merkel war kurz.

Ich möchte etwas klarstellen: Wir hatten für dieses Gespräch, bei dem es von vornherein immer nur um den Flughafen Tempelhof gehen sollte, Vertraulichkeit vereinbart. Diese ist nicht von mir gebrochen worden. Kultur stand da nie auf der Tagesordnung. Das Gespräch fand auch nicht in einer frostigen Atmosphäre statt, oder was sonst so alles zu lesen war. Herr Schmitz und ich werden mit der Bundeskanzlerin und mit Herrn Neumann die Gespräche über die Kultur in der Hauptstadt fortsetzen.

Haben Sie für die Kultur in Berlin Träume und Ideen über all das Notwendige hinaus?

Wir müssen natürlich erst unsere großen Baustellen beenden. Und ich möchte weiter den modernen Tanz unterstützen, denn da ist Berlin Weltspitze, mit Malakhov, mit Sasha Waltz und den freien Compagnien. Das kann ausgebaut werden. Mein Traum ist eine Kunsthalle. Das fehlt in dieser Stadt. Es geht um Künstler, für die man noch nicht die Neue Nationalgalerie ausräumen kann und die nicht in den Gropius-Bau passen. Das ist ein ambitioniertes Projekt, dafür brauchen wir Zeit.

Apropos Zeit: Sie hatten mal angekündigt, sich verstärkt auf der bundespolitischen Ebene engagieren zu wollen.

Ich bin Mitglied des Bundesrates, ich sitze im Präsidium meiner Partei, der SPD. Und selbstverständlich werde ich meine Stimme auch bundespolitisch erheben, so wie ich es immer getan habe.

Die Wahlpanne vom Donnerstag und das Urteil von Karlsruhe haben Sie nicht gebremst?

Nein. Im Gegenteil. Es ist eine falsche Hoffnung von einigen Leuten, dass mich auf Bundesebene keiner mehr sehen will. Da muss ich alle enttäuschen.

Das Interview führten Rüdiger Schaper und Christine Lemke-Matwey.

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