Kultur : Zwei Welten, eine Zukunft

Der Triumph von Barcelona: Fatih Akins „Gegen die Wand“ gewinnt den Europäischen Filmpreis

Jan Schulz-Ojala

Wann hat es das schon mal gegeben, dass ein Film im Februar den Goldenen Berlinale-Bären gewinnt, im Juni den Deutschen und im Dezember den Europäischen Filmpreis? Natürlich noch nie. Erstens, weil deutsche Filme sich lange Jahre zwar zwangsläufig tröstlich beim Deutschen Filmpreis durchsetzten, nicht jedoch in größeren Wettbewerben gegen die kontinentale und interkontinentale Konkurrenz. Zweitens, weil so etwas ein großer, schöner Glücksfall ist. Drittens, weil der Sieger Fatih Akin sein Hattrick-Glück auch noch verdient. Ja, wir jubeln, wir sind baff, und das ist großartig so.

Wolfgang Becker hat es letztes Jahr fast geschafft. Nur der Berlinale-Erfolg fehlte ihm; erst der weltweite Siegeszug in den Kinos hat ihm in der Welt der Jurys und Akademien den Schub gegeben, von dem er immer noch lebt. Bei Fatih Akin, dem Triumphator dieses Jahres, ist es umgekehrt: Die Berlinale hat den zündenden Akzent gesetzt, und seitdem brennt das. Und nun beim cineastischen Jahresendfeuerwerk in Barcelona, draußen in der nagelneuen Kongress- und Hotelstadt namens Forum, wo der jubelverwöhnte und jubeltrunkene Fatih Akin „Ich danke der Jury“ ins Mikro rief – dabei sind es doch die 1600 Mitglieder der European Film Academy (EFA), die ihn gewählt haben. Macht nichts. Nennen wir die EFA ihm zuliebe heute eine Riesenjury. Und ihre Wahl ist nicht bloß deshalb glücklich, weil sie einen deutschen Film trifft, sondern den vitalsten und wichtigsten unter sechs Konkurrenten.

„Gegen die Wand“, das wilde Melodram um Cahit (Birol Ünel) und Sibek (Sibel Kekilli), das mit einer taktischen Befreiungsheirat beginnt und in eine verzweifelte Liebesgeschichte mündet, ist ein roher, ekstatischer, auch hysterischer und irgendwann wunderbar zarter Film – und schon dieser kinetische Wirbel lässt Wolfgang Beckers reifes Vorjahreswerk fast alt aussehen. Mehr noch: Becker erzählte mit seiner Mauerfall-Story von dem, was war. Akin, der furios-kreative 31-Jährige, erzählt von dem, was wird. Von der sozialen und kulturellen Heimatlosigkeit der Einwandererkinder in einem europäischen Einwanderungsland namens Deutschland. Von dem Riss, der durch sie hindurchgeht. Die Welt, in die sie hineingeboren wurden, lässt sie nur zum Schein ein. Und die Wertewelt ihrer Eltern, gegen die sie rebellieren, lässt sie nicht los. Deren Herkunftsheimat ist den jungen Erwachsenen zudem völlig fremd: bestenfalls – und auch davon erzählt „Gegen die Wand“ – ein trauriger Rückzugsraum.

Solch gelebter, gefühlter, verwandelter Schmerz macht Filme groß, überall. Und er wird überall verstanden, wo Menschen diese Risse leben und sehen. „Gegen die Wand“ hat in Deutschland eine Dreiviertelmillion Zuschauer gepackt, aber auch – und das ist genauso wichtig – 350 000 in der Türkei. Fatih Akin hat in Barcelona klug darauf verzichtet, plakativ für die EU-Mitgliedschaft der Türkei zu werben. Stattdessen sagt er lapidar, er habe zwei Staatsbürgerschaften, von denen eine nicht europäisch sei: ein Satz zum Selberweiterdenken. Ist nicht schon der Erfolg seines Films in beiden Ländern ein Zeichen dafür, dass die Menschen hier und dort viel weniger weit voneinander entfernt sind, als die auf Zeit spielenden EU-Beitrittsdebatten uns glauben machen? Und dass auch die Jetzt-schon-Europäer zwar nicht immer linguistisch, wohl aber in ihrer Wirklichkeitswahrnehmung verwandte Sprachen sprechen? Überall setzt „Gegen die Wand“, beileibe kein audience pleaser wie „Good Bye, Lenin!“, sich durch: 140 000 Zuschauer in Frankreich, 250 000 in Italien, gute Zahlen in den Niederlanden und der Schweiz. In Spanien ist er vor zwei Wochen angelaufen – und schon ein Kritikerliebling.

Überhaupt, die Spanier. Sie leiden an diesem Wochenende, aus anderen Gründen, aber sie leiden tapfer. Tagelang hatten die Medien die Gala zum auch klanglich suggestiven Duell zwischen Almodóvar und Amenábar hochgejazzt, zwischen „La Mala Educación“ und „Mar Adentro“. Und dann das. Kein Wunder, dass der Dritte, Fatih Akin, in den Sonntagszeitungen eher auf den hinteren Seiten lachte: Ein bisschen nationales Geknicktsein in einem Wettbewerb, in dem es um Nationales ausdrücklich nicht gehen soll, ist erlaubt. Andererseits hat Almodóvar – „unser Champion“ nennt ihn EFA-Präsident Wim Wenders – den Euro-Filmpreis schon 1999 und 2002 geholt, das darf erst mal genügen. Und „Mar Adentro“, ein scheinbar unterkühltes, tatsächlich reichlich rührseliges Plädoyer für Sterbehilfe, war mit Preisen für Regisseur Amenábar und Hauptdarsteller Javier Bardem trostreich bedient. Prompt brachten die Zeitungen Punktetabellen im Stil der Serie A: Amenábar 2, Akin 1, Almodóvar 0. Hauptsache Spanien vorn – in der Champions League des europäischen Kinos.

Wobei der Kreis der Mitspieler diesmal etwas eigentümlich zustande kam. In der von Produzenten und Regisseuren dominierten EFA gilt, wie bei den Oscars, das Mitglieder-Plebiszit – mit der Einschränkung, dass der Vorstand eigenmächtig Kandidaten nachnominieren kann. Ein Wackelprinzip – vielleicht auch, weil 1997 der Abschied von der Jury, mit Peter Cattaneos heute fast vergessenem Männerstrip-Movie „Ganz oder gar nicht“, einigermaßen radikal geraten war. So sind Filmpreissieger wie Theo Angelopoulos oder Nikita Michalkow heute schwer denkbar, aber sie sollen wenigstens als Kandidaten dabei sein dürfen. Denn die ästhetisch stärksten Filme haben heute zumeist nur dann eine Chance, wenn sie auch kommerziell ganz oben mitspielen. Beispiel Frankreich: Weder „Schau mich an“ des Duos Jaoui/Bacri noch Francois Ozons „5 x 2“ , beide bemerkenswert, haben es unter die nominierten besten Filme geschafft – wohl aber der harmlose Millionen-Muntermacher „Die Kinder des Monsieur Mathieu“, für den am Ende der Preis für die Filmmusik blieb.

Eine Wahrnehmungsstörung der vielbeschäftigten Wahlberechtigten – oder schlicht Zeitmangel, die 40 zugeschickten Filme aus der Auswahlliste sorgfältig zu sichten, weshalb man sein Kreuzchen schnell beim gängigen Kino-Hit macht? Mit diesem Problem, von den Oscars bekannt, wird sich demnächst auch die Deutsche Filmakademie herumschlagen müssen, die der Kulturstaatsministerin das grundsätzlich auch auf sperrige Qualität setzende Jury-Prinzip und die daran gekoppelten Fördermillionen entwunden hat. Es gibt sie ja, und zu Recht, diese Popularisierungspanik – und den verständlichen Versuch, ihr strukturell-organisatorisch zu begegnen. Doch so wie die EFA, bei der es ums Prestige und nicht vor allem ums Geld geht, das Dilemma diesmal zu lösen suchte, verschlimmert sie es nur.

Natürlich ist Lukas Moodyssons Außenseiter, „A Hole in My Heart“, der in der Top-Nominierungsliste einige ausgezeichnete Konkurrenten verdrängte, leer ausgegangen. Sicher nicht nur, weil der in letzter Minute vom Vorstand nominierte Film von vielen Mitgliedern nicht mehr gesichtet wurde; sondern wohl auch, weil die meisten, die ihn denn doch anschauten, die krude Mixtur aus Home Movie, Dschungelcamp, Pornofilm-Parodie und „Großem Fressen“ nicht auch noch mit Lorbeer garnieren mochten. Nur: Wie ist überhaupt im Rahmen dieser Gala, bei der es um die besten Kinofilme des Jahres gehen soll, der Publizität eines Films gedient, der sogar in seiner Heimat Schweden nach zwei Wochen aus den Kinos verschwand?

Solch ambivalente und schwer durchschaubare Platzierungspolitik schadet der EFA, die doch ansonsten in Barcelona einen schönen Erfolg gefeiert hat: Die Medien riefen die Stadt tagelang unisono zur „Hauptstadt des europäischen Kinos“ aus – und dass ein türkischer Deutscher ausgerechnet in Spanien abräumt: wunderbar! Der europäische Oscar jedenfalls ist in Barcelona ein heftiges Stück vorangekommen.

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