Kultur : Zwei Welten

Moritz Schuller

THEATER

Wer rein will, muss sich durch einen „Tatort“ durchkämpfen: Ausweis am Kontrolltisch abgeben, Leibesvisitation, surrende Metalltore. Raus kommt hier keiner, auch wenn der Chor der Strafgefangenen drinnen von der Gleichheit der Menschen singt: „Was wir sind, das werdet Ihr. Was Ihr seid, das waren wir.“ Dazu schuhplattlern die Drogenhändler, die Einbrecher und die Totschläger. Als Gefängnis ist die JVA Tegel trostlos, faszinierend ist sie als Theaterbühne: wenn im Kulturraum der Anstalt die strafgefangenen Schauspieler Walzer tanzen, wenn die echten Prügler Prügeleien spielen, wenn sie mit manischen Augen blicken, so dass jeder ahnt, wie kurz bei manchem die Leitung sein muss. Handkes „Publikumsbeschimpfung“ hat das Theaterensemble „Aufbruch“ diesmal inszeniert, angereichert mit Texten von Ulrike Meinhof, Charles Manson, u.a. (heute zu letzten Mal, Einlass JVA Tegel Tor II bis 18 Uhr, Tel. 44049700). „Ihre Schaulust wird nicht befriedigt“, ruft der Chor, während das Publikum noch die Physiognomien der Verbrecher studiert, aber er hat auch Recht: „Sie und wir bilden allmählich eine Einheit.“ Denn dass andere diese Texte schon flüssiger gesprochen haben, ist irgendwann nicht mehr wichtig, zu authentisch, und körperlich zu schonungslos spielen die Gefangenen. Das Thema dieser Publikumsbeschimpfung ist das ’Wir und Ihr’, nicht in seiner sozialbewegten Variante einer „Motz“, sondern als professionelle Kampfbeziehung. Das funktioniert, erst nach dem Vorhang vertreiben die übergezogenen Jogginghosen den Zauber der Einheit: die Schauspieler sind wieder Insassen, die JVA Tegel ist wieder ein Gefängnis.

Zwei Gesichter

KLASSIK

„Die Stadt mit den zwei Gesichtern“, lautet das Motto der Kunst- und Kulturtage, die der Bezirk Lichtenberg mit seiner Partnerstadt Kaliningrad veranstaltet. Im Verwaltungszentrum der russischen Exklave an der Ostsee gemahnen nur noch wenige Baudenkmäler an Königsberg, die einstige Hauptstadt Ostpreußens, mit der viele am Ende des Zweiten Weltkriegs Vertriebene Erinnerungen verbinden. Grund genug für Lichtenberg, im Rahmen seiner seit 2001 bestehenden Städtepartnerschaft das Kulturleben dieser Stadt vorzustellen, nach den Wirtschaftskontakten im Vorjahr. Den Auftakt des Festivals bildete ein Gastspiel des Kaliningrader Sinfonieorchesters in der Lichtenberger Erlöserkirche. Das Konzert hatte ebenfalls zwei Gesichter: Im ersten Teil erklang urrussische Klassik: Das berühmte „Capriccio italien“ von Tschaikowsky, sein Gegenstück à la „espagnol“ von Rimskij-Korsakow und der selten gespielte „Verzauberte See“ des Prokofjew-Lehrers Anatoli Ljadow. Dirigent Arkadi Feldman gelang es, trotz beengter Räumlichkeiten mit präzisen Einsätzen das triumphale Fanfarenpathos der beiden Spätromantiker ebenso transparent und nachvollziehbar zu gestalten wie Ljadows sphärische, an Skrjabin erinnernde Klangflächen. Im zweiten Teil sang Mark Aizikovitch, der 1990 aus Kaliningrad nach Berlin kam, jiddische und russische Lieder. Mit dem Charme eines schlankeren Pavarotti verlieh er den Klezmer ähnelnden Weisen unwiderstehlichen Schmelz. Heute eröffnet im Zuge der Kulturtage eine Ausstellung dreier Kaliningrader Fotografen im „studio im hochhaus“ (Kunst- und Literaturwerkstatt Zingster Straße). Oliver Heilwagen

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