Kultur : Zwei Welten

Zum Tod des Komponisten Gian Carlo Menotti

Uwe Friedrich

Ein Künstler sei unentwegt auf der Suche nach idealer Schönheit, hat Gian Carlo Menotti einmal gesagt: „Ich werde deshalb wohl nie aufhören zu komponieren.“ 20 Opern kamen so zustande, darunter das Weihnachtsmärchen „Amahl and the Night Visitors“, die Komödie „The Telephone“ und das Politdrama „The Consul“. Alle wichtigen Werke des italienisch-amerikanischen Komponisten liefen mit großem Erfolg auch am Broadway. Das musikalische Establishment hingegen betrachtete ihn stets mit Argwohn, allzu sorglos schien Menotti die italienische Tradition der süffigen Melodien mit dem Unterhaltungstheater Amerikas zu verbinden. Dabei sind seine Opern stilvoll und effektsicher konstruiert, ohne sich je beim Publikum anzubiedern.

Obwohl er bereits zwei Stücke für die Bühne geschrieben hatte, bevor er mit 13 Jahren sein Musikstudium begann, sah Menotti sich zunächst nicht in erster Linie als Opernkomponist. Der Überraschungserfolg von „Amelia al ballo“ im Jahr 1936 aber führte zu weiteren Kompositionsaufträgen, deren Resultate wiederum stürmisch gefeiert wurden. Als der 1911 bei Lugano geborene Menotti auf Rat Toscaninis mit 17 das Studium am Curtis Institute in Amerika aufnahm, verliebte er sich sofort in den um ein Jahr älteren Samuel Barber, mit dem er von 1943 bis 1973 in der Nähe von New York zusammenlebte. Viele Werke entstanden in gemeinsamer Arbeit, und so hieß es etwa, Menottis beste Oper sei Samuel Barbers „Vanessa“, zu der er das Libretto schrieb.

Für den „Konsul“ erhielt er in den Fünfzigerjahren den Pulitzer-Preis und den New York Drama Critics Circle Award. Nach der schmerzhaften Trennung von Barber kümmerte sich Menotti hauptsächlich um sein „Festival dei due mondi“ im italienischen Spoleto, das er 1958 gegründet hatte. 1977 expandierte das Unternehmen nach Charleston in den USA, um die beiden Welten kulturell weiter zu verbinden. An seinen Kollegen kritisierte Menotti bereits 1964: „Es gibt eine Tendenz, die Stimme instrumental zu behandeln. Als hätten die Komponisten Angst, sie sei sonst zu ausdrucksstark, zu menschlich.“

Als Samuel Barber 1981 starb, wünschte er sich, dass Menotti einst neben ihm beigesetzt werde. Andernfalls sollte auf der leeren Grabstelle ein Schild mit der Aufschrift „Dem Andenken zweier Freunde“ angebracht werden. Am vergangenen Donnerstag ist Gian Carlo Menotti 95jährig in Monte Carlo gestorben, wo er an einer Inszenierung seiner Oper „Das Medium“ mitwirkte. Das Schild auf Barbers Grab dürfte sich wohl erübrigen.

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