Kultur : Zweier mit Zuwachs

„Our Grand Despair“ von Seyfi Teoman erzählt von liebesverwirrten Freunden in Ankara

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Es wird eng. Nihal (Günes Sayin), bedrängt von Cetin (Fatih Al). Foto: farbfilm
Es wird eng. Nihal (Günes Sayin), bedrängt von Cetin (Fatih Al). Foto: farbfilm

Istanbul gehört zu den meistbesuchten Metropolen der Welt, und das liegt nicht zuletzt daran, dass die Stadt mit all ihren emblematischen Ansichten immer wieder als Filmschauplatz diente. Für jede Art von Geschichten lassen sich in der riesigen Stadt Locations finden. Außer vielleicht für die, die Seyfi Teoman in seinem neuen Film erzählt. Zu ihm passt das von Hysterie, Kreativität und neuerdings auch Geldgier geprägte Klima der Kultstadt nicht.

Sein beachtliches Regiedebüt „Summer Book“ (2008) drehte Teoman in der Provinz, und sein neuer Film, der in diesem Jahr im Berlinale-Wettbewerb uraufgeführt wurde, spielt in Ankara, der in Zentralanatolien gelegenen Hauptstadt der Türkei. Denn das Verwaltungszentrum mit seinen breiten Verkehrsschneisen, den modernen Hotels und Repräsentationsbauten, den Universitäten, den eleganten Restaurants, den Parks und den vier- bis fünfstöckigen Wohnblocks bietet den passenden, nüchternen Rahmen für das Lebensgefühl, das in „Our Grand Despair“ beschrieben wird.

Eine höchst ungewöhnliche Wohngemeinschaft hat sich da gefunden: Die Freunde Ender und Cetin, beide Ende Dreißig, teilen sich eine geräumige Wohnung und erfüllen sich damit einen Traum aus ihrer Schulzeit. Sie sind kein schwules Paar, sondern gereifte Jungs, die der in der Türkei noch nachdrücklicher als hier gestellten Forderung nach Familiengründung einfach ausgewichen sind. Der pragmatische Cetin arbeitet außer Haus, der intellektuelle Ender im Home Office, und abends wird zusammen gegessen. Man sieht gemeinsam fern, hört Musik, erzählt sich vom Tag, und um Mitternacht verschwindet jeder in sein Zimmer.

Als die kleine Schwester eines dritten, inzwischen in Berlin lebenden Freundes vorübergehend bei ihnen einzieht, weil ihre Eltern tödlich verunglückt sind und sie ihr Studium beenden soll, gerät die Routine ein wenig außer Kontrolle: Praktische Probleme und Gefühlsverwirrung auf allen Seiten stören die unverbrüchlich scheinende Männerfreundschaft.

„Our Grand Despair“ ist ein Film der leisen Töne, in dem es eigentlich um Liebe geht, ausnahmsweise mal ohne Sex. Ender und Cetin kommen immer wieder auf die einfachen Freuden des sozialen Miteinanders zurück: die Vor- und Zubereitung von Mahlzeiten und deren Verzehr, das gemeinsame Erinnern, Spaziergänge, Beobachtungen, kleine Urlaube. Das Sprechen kommt dabei ganz von allein; und das einfühlsame Zuhören fällt keinem von beiden schwer. Eine Schuss-Gegenschuss-Sequenz zeigt einen Blickwechsel zwischen den beiden, während sie einer Lieblingsmusik lauschen; und natürlich ist da so viel Zuneigung zwischen ihnen, dass der Zuschauerin ganz weh ums Herz wird.

Aber warum auch nicht? Jede Form der Liebesbeziehung hat eine Daseinsberechtigung, solange alle Beteiligten sich dafür entscheiden. Deshalb jedenfalls muss diese Geschichte in Ankara spielen, wo die Türkei vielleicht am laizistischsten ist – so wie Frankfurt oder Montpellier oder Den Haag. Ungefähr.

Babylon Mitte, Cineplex Neukölln,

fsk am Oranienplatz (alle OmU)

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