Kultur : Zweierlei Krieg

-

Bernhard Schulz über

das nationale Geschichtsmuseum

Was waren das für Zeiten, als die Gründung des Deutschen Historischen Museums mit einem Festakt im Reichstagsgebäude gefeiert wurde! Man spürte, dass hier eine Sache von nationaler Bedeutung verhandelt wurde. Freilich, von heute aus gesehen waren es elende Zeiten: Man schrieb das Jahr 1988, unmittelbar vor dem düsteren Reichstagsbau verliefen Mauer und Todesstreifen, West-Berlin war nur der Außenposten der Bundesrepublik. So musste denn die Geburtsstunde des Geschichtsmuseums als Symbol herhalten für eine Nation, die in Wahrheit tief zerteilt war.

Als dann die Mauer fiel, das DHM Knall auf Fall ins Zeughaus Unter den Linden zog und en passant das DDR-„Museum für deutsche Geschichte“ aufsog, durfte sich Gründungsdirektor Christoph Stölzl noch einmal auf der Höhe einer vor aller Augen zu Geschichte gerinnenden Gegenwart fühlen. Aus solchen politischen Höhen ist das DHM seither allmählich eingesunken in die Masse der übrigen Kulturinstitutionen mit ihrem Alltag aus Budgetproblemen und Einstellungsstopp.

Nicht, dass sich irgendein Politiker, gar stellvertretend für die Nation, ums DHM kümmern müsste, wenn es – wie am Freitag – lediglich sein Jahresprogramm vorstellt. Aber man erlebt es doch mit einer gewissen Wehmut, wie ein Institut, dem einmal die Aufgabe der historischen Selbstvergewisserung der Nation zugedacht war, in der Person seines Direktors, des von Stölzl als Nachfolger empfohlenen Hans Ottomeyer, so gar keinen Anspruch mehr auf eine andere, höhere Bedeutung als die eines bloßen Museums unter vielen erhebt. Die Dauerausstellung, die – 17 Jahre nach Gründung des Hauses – vielleicht gegen Ende dieses oder aber auch erst Anfang des kommenden Jahres eingerichtet und im Zeughaus zu besichtigen sein soll, wird abgehandelt als Problem von Stellwänden, Bauausführung, alltäglichem Kleinkram. Der Generaldirektor redet viel, aber er sagt wenig; er spricht gravitätisch, aber er hat keine Botschaft.

Dabei verspricht das Jahresprogramm zwei Höhepunkte an Ausstellungsvorhaben, die die Geschichtsdebatte in diesem Land nachhaltiger und vor allem begründeter anregen könnten als alle Aufregung um NS-Mitgliedschaften altgedienter Germanisten oder was sonst noch die Gemüter bewegte. Es sind langjährige Wissenschaftler des Hauses, die zwei Großvorhaben schultern, die sich im angebrochenen Jahr auf das Sinnreichste ergänzen könnten: Zunächst die Ausstellung „Der Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung“, sechs Wochen nach deren Ende dann „Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen“. Die beiden in den Blick genommenen Weltkriege markieren Anfangs- und Endpunkt jener europäischen Selbstzerfleischung, die sich in Gestalt von Krieg, Putsch, Revolution und Bürgerkrieg vollzog, bis der alte Kontinent nach 1945 machtpolitisch zwischen den Weltmächten aufgeteilt wurde. Beide Weltkriege, beide Urkatstrophen Alt-Europas haben ihre Bedeutung im Licht der Ereignisse von 1989/90 gewandelt. Das gilt auch hierzulande – unbeschadet der Bedeutung des NS-Völkermordes für das Selbstverständnis der Deutschen. Der Erste Weltkrieg, jahrzehntelang nahezu vergessen, zumindest aber in seiner Bedeutung marginalisiert, kehrt in die Erinnerung zurück – als Ende der europäisch geprägten Weltordnung, als Selbstpreisgabe des bürgerlichen Zeitalters. Das Ende des „langen“ 19. Jahrhunderts entfesselte verheerende Kräfte, die in die nachfolgende, nochmals größere Katastrophe führten. Noch weniger als 1918 konnte es danach eine gemeinsame Sicht der jüngsten Vergangenheit geben. Geschichte wurde, mehr denn je, zum vom Land zu Land verschiedenen Konstrukt.

Darüber nachzudenken und zum Nachdenken anzustoßen, ist die ureigene Aufgabe eines Geschichtsmuseums, zumal in Berlin. Aber die Institution DHM muss sich auch (wieder) als der Ort ins Bewusstsein rufen, an dem die Fragen des nationalen Selbstverständnisses verhandelt werden. Dass die Ausstellung zu den „Mythen der Nationen“ im vergangenen Jahr bereits vor der Absage stand, nach offizieller Lesart aus Geldmangel – den erst ein Zuschuss der Bundesregierung abwendete –, sagt Betrübliches genug über das Deutsche Historische Museum anno 2003. Die „Talsohle“ sei erreicht, so Ottomeyer am Freitag. Er meinte es finanziell. Das Haus als Ganzes versteht es hoffentlich im Sinne seines Bildungsauftrags.

0 Kommentare

Neuester Kommentar