Kultur : Zweifel und Auflehnung

NEUE MUSIK

Ulrich Pollmann

Immigration: Massenphänomen unserer Zeit, von Nichtbetroffenen oft als lästig empfunden. Vinko Globokar beleuchtet sie in der Berliner Werkstatt der Kulturen im Dreiakter „Les Emigrés“. Erster Akt : Mikrofone und Lautsprecher allerorten, Tonbandcollage gegen Jazzbandtorso – laut! Kurze Textfragmente werfen Schlaglichter auf Ängste, Einsamkeit und Abweisung, verdichten sich in harten Rhythmen. Zweiter Akt: Vier Sänger singen über Hoffnungen und Ängste in der neuen Heimat, durchmischt mit Tonbandklängen. Die zeitgleich projizierten Fotos beleuchten nun konkret die Situation in Deutschland: Gastarbeiter in der Fabrik, bei der Musterung (der Arzt schaut in die Unterhose), in der Familie, im Gemüseladen. Die intimen Fotos von Klaus Herde mischen überzeugend Zeitgeschichtliches und Persönliches. Dritter Akt: Die Grenze, eindringlichste Szene des Abends. Ein weißes Tuch, vor der Bühne aufgespannt, erfährt Zeichen des hier, dort und dazwischen. Mittendrin: Menschen, Objekt zwischen den Ebenen. Ein Pass macht den Unterschied zwischen Mensch und Nichtmensch – ihn zu erhalten, zwingt zu äußerster Unterwerfung. Instrumental- und Vokalensemble symbolisieren fremde Blöcke, Kommunikation zwischen den Sängern verhindernd. Die Ensembles UnitedBerlin und UnitedVoices präsentieren harte Klänge konzentriert und präzise. „Les Emigrés“ setzt die Zuschauer unter Dauerstress und macht so die physischen und mentalen Belastungen sinnfällig, die mit Immigration einhergehen. Gelegentlich können auch zurückhaltende Klänge, semantisch aufgeladen, Verstörung und Ängste sehr wirkungsvoll ausdrücken. Aber das sieht Globokar anders.

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