Kultur : Zweigleisig

Mit dem Debüt der Rifles wird Brit-Pop klassizistisch

Kai Müller

Ein Gitarrenriff wie man es öfters hört in diesen Tagen: hart angeschlagen, hell und klar, zwei Akkorde pendeln hin und her, dazu stampft die Bassdrum und eine zweite Gitarre fädelt sich ein in das, was vier Takte später einen kantig-feurigen Rocksong ergeben wird. Dieser Auftakt könnte einem Lehrbuch entstammen. Die vier britischen Musiker aus London, die sich The Rifles nennen, haben ihre Lektion gelernt. Mit ihrem Debütalbum „No Love Lost“ (Right Hook/Rough Trade) reihen sich die versierten Traditionspfleger in die nicht abbrechende Parade junger, frischer Rockbands ein, die derzeit mit verwegen quirligen, am Sound der Kinks, The Who und The Jam orientierten Platten für enormen Wirbel sorgen.

„If your’re a new band breaking“, rät Sänger Joel Stoker im Auftaktstück aufstrebenden Bands wie ihnen selbst, „be aware she won’t be far behind“. Gemeint sind die Mädchen, die Sex haben wollen, aber nur mit solchen Rockstars, die es mindestens auf Platz 25 in den Hitparaden geschafft haben („She’s Got Standards“). Aus solchen Zeilen spritzt der schwarze Humor der Londoner, die mit „Peace & Quiet“ allerdings überraschend friedfertige Ambitionen verraten. Dieser Song ging dem Album als Single voraus und ist eine Pophymne aller erster Güte: in ihrer Wucht den Strokes verwandt, von grandioser Einfachheit und vom ersten Ton an fähig, ein Stadion in Wallungen zu versetzen.

Dieser ersten Single folgten eine ganze Reihe weiterer, allesamt melodiensatte Hits, von denen einige sich auf dem Langspieldebüt finden. Da ist „Repeated Offender“, das scheppernde, klirrende Drama eines jungen Mannes, der immer zu viel trinkt und dann zu ungehalten reagiert, so dass er sogar seinen Freunden auf die Nerven geht. Auch „Local Boy“ ist ein mitreißender Up-Tempo-Kracher, der einen auf die Tanzfläche treibt und die Arme in die Luft reißen lässt. „When I’m Alone“ besticht durch die raffinierte, einander anstachelnde Verschränkung der Gitarrenläufe, eine Methode, die sie in „Hometown Blues“ auf die Spitze treiben. Da nimmt der Song auf parallelen Gleisen Fahrt auf, zweistimmig wird der Refrain umspielt und dann explodiert das Ganze im Chorgesang. Das ist gut gemacht.

Mit Joel Stoker, Lead-Gitarrist Luke Crowther, Rob Pyne am Bass und Drummer Grant Marsh betritt eine Band die Brit-Pop-Arena, die wie die Quintessenz all dessen klingt, was zuletzt Erfolg gehabt hat. Das wirkt ein wenig streberhaft, wie auswendig gelernt. Doch auch das muss man erst mal schaffen.

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