Zweimal Büchner beim Berliner Saisonstart : Trübe Rüben treffen irre Erbsen

Zum Spielzeitauftakt bringen die Berliner Theater gleich zweimal Büchner auf die Bühne. An der Schaubühne inszeniert Patrick Wengenroth das hintersinnige Lustspiel „Leonce und Lena“. Und am Berliner Ensemble zeigt Leander Haußmann die Soldaten-und-Liebestragödie „Woyzeck“. Ein Vergleich.

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Musterung. Peter Miklusz als Woyzeck und Traute Hoess als Närrin in Leander Haußmanns Inszenierung.
Musterung. Peter Miklusz als Woyzeck und Traute Hoess als Närrin in Leander Haußmanns Inszenierung.Foto: dpa

Schütter sieht er aus, der Thronfolger in der Berliner Schaubühne. Erst hockt er schlaff am Plattenteller. Dann schiebt er – uralter Theater-Kalauer – eine Kekspackung, Marke „Prinzenrolle“, neben dem Mischpult hin und her. „Es grassiert ein entsetzlicher Müßiggang“: Die Interpretationshilfe, die uns der nicht mehr ganz so junge Kronprinz zu seinem (Nichts-)Tun liefert, wäre nicht nötig gewesen. Denn dass hier der Nihilismus in seiner egomanischsten Trendstreber-Attitüde gefeiert wird, springt Patrick Wengenroths Saisonauftakt-Premiere „Leonce und Lena“ praktisch aus jeder Bühnen-Pore.

Wengenroth hat sich mit Abenden in die theatrale Bundesliga inszeniert, die etwa die Zeitdiagnosen des „Bild“-Kolumnisten Franz Josef Wagner („Liebe Angelina und Brad, ich mag Eure Hochzeitsfotos, sie sind wie Waffenruhe“) lässig mit Gesellschaftstheorie à la Niklas Luhmann und Co. verknüpften. Diesen oft erfreulich luziden Geist versprüht auch die Reihe „Wengenroths Autorenklub“ an der Schaubühne, in der der Regisseur dramatische Ikonen von Schiller bis Brecht auf ihre Zeitgeist-Tauglichkeit abklopft.

Büchners Monarchen-Drama "Leonce und Lena"

Nun also Georg Büchners hintersinniges Lustspiel „Leonce und Lena“: Jenes Monarchen-Drama, in dem der vom Nichtstun schwer erschlaffte Prinz Leonce vom Königreich Popo vor der väterlich verordneten Heirat mit der Prinzessin Lena aus dem benachbarten Reiche Pipi „gen Italien“ flüchtet. Da die junge Frau genau dieselbe Idee hat, trifft man im Süden inkognito aufeinander, verliebt sich angemessen tiefenentspannt und feiert final eine ziemlich zwiespältige Hochzeit.

Büchners Text ist eine Art subtil kritisches Genre-Sample, das sich in durchaus parodistischer Absicht bei geschätzten Kollegen von Shakespeare bis Tieck bedient. Und Wengenroth covert nun quasi – um im Bild des Abends zu bleiben, der auf einer angeschrägten Show-Drehbühne im Plattenteller-Format (Setting: Mascha Mazur) spielt – Büchners Methode und rückt „Leonce und Lena“ mit einem Zitatgut zu Leibe, das eher in den Assoziationsuntiefen unserer Tage fischt. Statt Tieck reüssiert also Heidi Klum, wenn Iris Becher als Lena ihre glitzeranzugsumspannten Hüften wie eine schulungsbedürftige Topmodel-Aspirantin übers Szenario schwingt. Und statt Shakespeare hat Kermit, der Frosch aus der Muppet Show, seinen großen Auftritt: Nachdem Ulrich Hoppe als Leonce den sedierenden Status quo bereits ausgiebig mit Rainald Goetz abgefeiert hatte, legt er zu vorgerückter Stunde unter seiner Trainingsjacke das nämliche Tierkostüm frei und beginnt pathosparodierend zu klagen, dass Grünsein ein harter Job sei, während seine Kollegin Jule Böwe in multipler Besetzung als Prinzenkumpel Valerio, Lenas Gouvernante und Leonces Erstgeliebte Rosetta gelegentlich auch mal ironiefreiere Töne anschlagen darf. Der Musiker Matze Kloppe liefert im Hintergrund den passenden Soundtrack.

Wengenroth gibt King Peter

Im Grunde lässt sich die Botschaft des Schaubühnen-Abends mit dem ersten Auftritt des Regisseurs selbst idealtypisch zusammenfassen: Wengenroth gibt King Peter, den Herrscher des Reiches Popo, mit Netzkniestrümpfen, beinfreiem schwarzen Body und entsprechender Inbrunst als „König von Scheißegalien“ à la Udo Lindenberg. Mit dem blinkendem Schriftzug „Fame“ auf der Brust, der gleichzeitig auf ein luzides Büchner-Wortspiel wie auf Alan Parkers Achtziger-Jahre-Kultfilm anspielt, tigert er über die rotierende Plattenteller- Bühne und schmettert die Lindenberg-Lyrics aus sich heraus: „Ich fühl’ mich umzingelt von der Menschenarmee, trübe Rüben, wohin ich auch seh’“.

Diesem Befund wird sicher kein ernst zu nehmender Zeitgenosse widersprechen, und genau da liegt auch das Problem des Abends: Die Diagnose, dass das von Büchner vorgeführte monarchische Ennui sich heute als Pop feiert, ist inhaltlich sicher seit längerem ebenso korrekt wie performativ eben entsprechend – langweilig. Ein Dilemma, das Wengenroth freilich mit vielen Kollegen teilt, die Inhalte – mal mehr, mal weniger konsequent – in Form auflösen.

Auch Haußmann hat sich Büchner vorgenommen

Vom Erfolgsfilmregisseur und Müggelsee-Flugroutengegner Leander Haußmann indes, der nach langjähriger Abstinenz erst kürzlich zum Theater zurückfand, lässt sich das nicht behaupten. Auch Haußmann hat sich zum Saisonauftakt – seinerseits am Berliner Ensemble – Georg Büchner vorgenommen: Dass das früh verstorbene Genie mit seinen in vielerlei Hinsicht revolutionären Texten in Berlin offenbar zum Dramatiker der Stunde avanciert, ist nicht das Schlechteste, was sich vom diesjährigen Spielzeit-Start sagen lässt. Der prekäre Soldat und Gelegenheitsjobber „Woyzeck“ etwa, den Haußmann im BE als großes sozialkritisches Kino auf die Bühne bringt, wird nächsten Monat gleich noch einmal von Sebastian Hartmann am Deutschen Theater bespiegelt.

Wie Wengenroth unterzieht auch Haußmann Büchner einem unzimperlichen Vergegenwärtigungsversuch. Allerdings geht er dabei kein bisschen diskurspopwillig vor, sondern sucht gerade die größtmögliche Gegenständlichkeit. Und die wiederum findet er – im Gegensatz zu den meisten anderen „Woyzeck“-Exegeten der aktuellen Bühnenlandschaft – nicht vordergründig im ,Sozialfall’ Woyzeck, der seine spärlichen Groschen unter anderem als menschliches Versuchsobjekt zweifelhafter medizinischer Experimente verdienen muss: Woyzeck entwickelt ja mit hoher Wahrscheinlichkeit auch deshalb psychische Krankheitssymptome, weil er sich monatelang ausschließlich von Erbsen ernähren muss. Sondern Haußmann deutet das Drama ziemlich plausibel aus einem anderen Stückaspekt heraus, nämlich dem militärischen, und findet Woyzecks Aktualität im zeitlos-gegenwärtigen Kriegszustand.

Jahrmarktvergnügen mit integrierter Freakshow

Dreißig Soldaten marschieren abendfüllend über die BE-Bühne und weisen den von Peter Miklusz mit angemessen tastender Naivität gespielten Woyzeck in jeder Sekunde als einen von ihnen aus. Das zynische Mediziner-Experiment wird zum Demütigungsritual in der Kaserne. Und das ohnehin zweifelhafte Jahrmarktvergnügen mit integrierter Freakshow, dem sich Woyzeck und seine das gängige Weibchenschema wohltuend aushebelnde Geliebte Marie (Johanna Griebel) hingeben, geht von Luftballonseligkeit nahtlos in militärischen Drill über. Traute Hoess schwingt hier als zuchtmeisterliche Närrin in böser Präzision die Peitsche.

All das ist haargenau so deutlich und plakativ, wie es klingt, steht aber sympathischerweise auch völlig dazu und entwickelt tatsächlich eine emotionale Kraft, die bessere Hollywood-Assoziationen weckt. Leander Haußmann klotzt mit großformatigen Bildern, lässt Woyzeck seinen Hauptmann (Boris Jacoby) in der Rasur-Szene zum Soundtrack von Rossinis „Figaro“-Arie an die Gurgel springen und den Tambourmajor (Luca Schaub) mit einem denkwürdigen Wurfzelt-Auftritt brillieren.

Kurzum: Der Comebacker vom BE präsentiert eine sorgfältige, gegenwartstaugliche Büchner-Lesart von suggestiver Wirkung, und sein Kollege Wengenroth an der Schaubühne sucht immerhin den Büchner-Diskurs. Da ist man in Berlin durchaus schon uninspirierter in eine neue Theater-Saison gestartet!

„Leonce und Lena“ wieder am 19./20.9.; „Woyzeck“ wieder am 19., 23. und 27.9.

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