Kultur : Zweimal Verdis "Falstaff": Leipzig: Mit meinen kalten Tränen

Ulrich Amling

"Ich habe den Falstaff zu schreiben begonnen, rein zum Zeitvertreib, ohne vorgefasste Gedanken, ohne Pläne; ich wiederhole, zum Zeitvertreib! Weiter nichts!" Giuseppe Verdi konnte sich einen solchen Luxus leisten, blieben dem rüstigen Greis auf seinem Landgut doch genügend Mußestunden für die Arbeit an seinem Privatvergnügen einer "Commedia lirica". Ein entspanntes Alterswerk, das niemandem mehr Rechenschaft schuldig war. Doch im auf Jahre hinweg verplanten modernen Opernbetrieb fliegt die Zeit dahin, Premieren wollen abgeliefert sein, Intendanten einer (meist kurzen) Folge von Jahren ihren Stempel aufdrücken. "Falstaff", jetzt als letzte Neuinszenierung der Ära Udo Zimmermann in Leipzig herausgekommen, garantiert einen Blick zurück ganz ohne jeden Zorn. Uwe Wand, Chefregisseur des Hauses, hat sich auf eine derart milde Lesart des Stückes verlegt, so sehr die Schlussfuge mit ihrem Credo "Der Mensch ist ein geborener Narr" an den Anfang seiner szenischen Überlegungen gestellt, dass ihn jeglicher inszenatorische Trieb vorzeitig verließ. Man ahnt: Wand wähnte vor Probenbeginn schon alles durchschaut, Tränen der Rührung und des Lachens galten bereits als vergossen. Schlierig lag das erkaltete Nass nun über den Figuren, verwischte Charaktergrenzen und trübte den Blick für alles, was man nicht vorher sowieso schon wusste.

Frauen bleiben hier Freundinnen und Männer Kameraden. Während die einen ihre Opfer lächerlich machen wollen, denken die anderen bei Hahnrei-Verdacht mit gezücktem Gewehr an Mord. Genauer wird das den Abend hindurch nicht mehr gezeichnet, einzig zarte Momente der Melancholie lassen sich aus dem Treiben destillieren: Wenn Ford (so zackig wie beschränkt: Tomas Möwes) auf der Suche nach dem vermeintlichen Verführer seiner Frau durch die Bestände des ehelichen Leinens fegt und Lage für Lage nicht nur sauber, sondern rein vorfindet, spürt man eine verborgene Enttäuschung. Und das gut gewässerte Leipziger Komödienallerlei nimmt kurzzeitig einen bitteren Geschmack an. Sir John selbst (in seiner vierten Bühnendekade gut bei Stimme: Alberto Rinaldi) hat man selten so zivilisiert gesehen. Den heiß ersehnten Wein schüttet er nur fingerbreit in sein Glas, der Gürtel umschließt seinen Bauch fest wie ein Korsett und dient zugleich als verlässlicher Keuschheitsgurt. Dieser Falstaff kann nicht mehr fröhlich in sich hineinstopfen, und die Liebe ist längst zur fantastisch fernen Vorstellung geworden. So fordert er dann auch nicht mehr als ein bisschen Respekt auf seinen letzten Metern. Ihm als Senior gebührt es, nach Familiensitte, den Schlussgesang anzustimmen. Es ist sein letzter großer Auftritt. Danach lässt Falstaff müde eine Rose auf die Bühne purzeln, sie rinnt durch seine Hände wie der Sand des Stundenglases. Mehr nicht. Licht aus.

Dass sich überhaupt so gefasst über diese mit peinlichem bühnentechnischen Pathos aufgebauschten Regie-Petitessen schreiben lässt, liegt an Michail Jurowski. Mit dem Gewandhausorchester gelingt ihm nicht nur das Wunder des richtigen Tempos, sondern - viel schwieriger - das des richtigen Tonfalls. Während Dirigenten-Kollegen angstvoll die "Falstaff"-Farbpalette kleinhalten und verbissen auf die Tube drücken, aus Sorge, der Musik könne im Konversationston die Linie, der schöne Schwung verloren gehen, gebietet Jurowski über prachtvollen Klangreichtum, ohne je altmeisterlich zu wirken. Um vieles neugieriger als sein Regisseur entdeckt er von Verdi fein versteckte Zitate, kommentiert das drucklos hingestellte Lustspiel scharfzüngig und ist seinem soliden Sängerensemble zugleich ein liebevoller Begleiter. Stachel und Freund, Ortskundiger und Entdecker, Souverän und Teamchef: Jurowski brilliert in jeder Rolle. Ein elder statesman, kein melancholischer Privatier. Der ideale "Falstaff"-Dirigent, auf der Suche nach einem Regisseur. Vielleicht findet Zimmermann den ja für seinen künftigen Ständigen Dirigenten der Deutschen Oper.

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