Kultur : Zweite Reihe, erste Klasse

Das Deutsche Historische Museum glänzt nun mit einem Hinterhaus des amerikanischen Großarchitekten Pei

Falk Jaeger

Der in Südchina geborene Amerikaner Ieoh Ming Pei hat bislang noch gefehlt in der langen Liste internationaler Architektenstars, die in Berlin seit der Wiedervereinigung ihre Visitenkarte abgegeben haben. Nun ist sein „Schauhaus" als Annex des Deutschen Historischen Museums vollendet – und neben dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestags wird das wohl für einige Zeit der letzte große öffentliche Neubau sein im neuen Berlin. Ja, er werde „mit Sicherheit am Anfang jeder Architekturgeschichte des 21. Jahrhunderts stehen", verkündete gestern bei der Schlüsselübergabe der stolz erregte Museumsdirektor Hans Ottomeyer. Ganz vorbehaltlos vermögen wir ihm da nicht zu folgen.

Es ist schon eineinhalb Jahrzehnte her, dass der damalige Bundeskanzler Kohl bereit war, eine halbe Milliarde Mark für die Neugründung eines Deutschen Historischen Museums in West-Berlin auszugeben. Seither haben sich die Zeiten mächtig gewandelt, das Modell des Italieners Aldo Rossi wurde ins Museum geräumt und das ursprünglich geplante Grundstück für das Kanzleramt bereitgestellt. Ein „grand projet" wie die Renommierbauten der französischen Präsidenten in Paris konnte es nun nicht mehr werden, sondern ein Erweiterungsbau für das barocke Zeughaus als Hauptsitz des Museums. 54 Millionen Euro hat es gekostet, entworfen vom demnächst 86-jährigen Altmeister Pei, dessen Ruhm sich, neben dem Wolkenkratzer der Hongkonger Bank of China oder dem neuen Flügel der Washingtoner National Gallery, in Europa hauptsächlich auf die gläserne Pyramide vor dem Pariser Louvre gründet.

Ein Filetgrundstück für den ambitionierten Museumsbauer ist es nun nicht, der Zwickel hinter dem Berliner Zeughaus, ein wenig versteckt an einem Schleichweg von Schinkels Neuer Wache zu Schinkels Neuem Museum gelegen. Doch Pei wäre nicht der Großarchitekt, würde er dort nur einen verschämten Anbau abliefern. Hallo, hier bin ich, winkt der Neubau und erheischt – noch aus der zweiten Reihe – Aufmerksamkeit.

Nur mit Schinkel hat der Bau trotz Peis unermüdlicher Beteuerungen rein gar nichts zu tun. In der klassizistisch geprägten Nachbarschaft provoziert er zwar nicht, doch seine Bauskulptur ist von gänzlich anderem Charakter. Und eher als Fauxpas wirkt der firsthohe Vertikalschnitt an der spitz vorstechenden Gebäudeecke. Die eingerundete Kante assoziiert dünne Papierarchitektur, ein Effekt, der am ganzen Gebäude kein zweites Mal auftritt und dessen schwerer Tektonik widerspricht. Ironie ist Peis Sache nie gewesen. Und natürlich hat kein Klassizist jemals ein repräsentatives Gebäude auf dem mit vielen Zwängen beladenen Dreiecksraster aufgebaut. Zahlreiche ganz und gar nicht Feng-Shui-gemäße, aggressiv-scharfe Kanten durchschneiden das Haus – Pei hat hier seine chinesischen Wurzeln weit hinter sich gelassen.

Wie beim Louvre lockt er mit einer spektakulären architektonischen Geste, mit einem Treppenhaus, diesmal nicht als Pyramide, sondern in Form eines monumentalen gläsernen Zylinders an der Gebäudeecke, in dem das Beschreiten des Treppenlaufs als Schauspiel im städtischen Raum theatralisch inszeniert wird. Der Aufwand war erheblich: riesige gebogenen Scheiben, die man in Finnland ordern musste, da nur dort ausreichend große Öfen zur Verfügung stehen, eingebunden in eine komplizierte Stahlkonstruktion, die an ingenieurtechnischer Eleganz dennoch zu wünschen übrig lässt. Warum aber beginnt die Treppe nicht im Erdgeschoss, sondern erst im ersten Stock?

Der dynamische Aufgang sowie die sich anschließende haushohe, gekurvte Glasfront des Foyers bilden den Kontrapunkt zu den statuarischen Wänden des Gebäudes aus gelblich schimmerndem französischen Kalkstein. Hinter der Glastonne etwas verhohlen findet sich der separate Eingang zum Schauhaus, der dann in das viergeschossige, taghelle Foyer führt.

Eine Gasse mit dem Namen „Hinter dem Zeughaus“ trennt Alt- und Neubau voneinander; trotzdem ist der Barockbau übermächtig präsent, denn durch die Glasfront ist Schlüters klassisch-disziplinierte Fassade wie in einem haushohen Schaufenster zu bewundern.

Wer nun aus dem Zeughaus ins Schauhaus wechseln möchte, wird in die Unterführung verwiesen. Aus dem mittlerweile mit einer Glashaut überspannten Innenhof des Zeughauses geht es per Rolltreppe hinab ins Untergeschoss, und bereits die Tiefpassage zeigt die Form- und Materialwelt des Neubaus.

Plötzlich öffnet sich die Enge, das Kellergefühl ist verflogen. Pei entfesselt eine furiose Raumschöpfung, wie sie in Berlin der neupreußischen Architektur selten anzutreffen ist. Dem Dreiecksraster und den Rundungen des tortenstückförmigen Grundstücks geschuldet, schieben sich spitzwinklige Wände ins Bild, Treppen, Galerien, Brücken und mächtige Dreieckspfeiler arrangieren sich zu einer bewegten Komposition. Die zuvor geäußerte Kritik am Missverhältnis zwischen Kubatur und nutzbarer Fläche ist pharisäerhaft: Die Hauptstadt hat diesen Raum und dieses Architekturerlebnis verdient!

Ein riesiges rundes Auge öffnet sich in der Scheidewand, eine Erinnerung an den Heroen der modernen Architektur Paul Rudolph, dem sich der jegliche Historismen ablehnende Architekt verbunden fühlt. (Der Okulus im Monumentalformat ist derzeit beliebt, brachten ihn jüngst auch Axel Schultes, Stephan Braunfels und Dietrich Bangert nach Berlin.)

Das zyklopische Spiel der geometrischen Elemente, anderswo grob in Beton gegossen, betreibt Pei durch die Materialwirkung der sanften Oberflächen des Sandsteins auf feinsinnige Weise. Und dort, wo er Beton einsetzte, bei Treppenläufen, Unterzügen, Stürzen, ließ er ihn doch sandsteingelb einfärben und sorgfältig fugengleich schalen.

Weitaus ruhiger, pragmatischer dann die Säle: 2700 Quadratmeter insgesamt, vielfältig nutzbar, im Zuschnitt eher ungewöhnlich, sind mit Stirnholz oder Parkettboden, hier einem Erker, dort mit einer Terrasse ausgestattet.

Peis Perfektionsdrang verleitet zum genauen Hinsehen, und so wird man wohl das eine oder andere Detail entdecken, das noch etwas präziser hätte ausfallen können. Haushohe Glaswände zum Beispiel werden heute weitaus eleganter rahmenlos in Strukturglas konstruiert. Ebenso bleibt unverständlich, weshalb er sich trotz der dem gesamten Bau zu Grunde liegenden Dreieck-Form zu einem (zweifellos preisgünstigeren) quadratischen Fußbodenaufbau in den Schauräumen verleiten ließ. Unschöne Anschlüsse an allen Ecken und Enden sind die Folge.

Der Erweiterungsbau des Deutschen Historischen Museums ist so kein Anbau im Schmusestil, sondern Artefakt mit eigenständigem Charakter, kein über jeden Zweifel erhabener Geniestreich, doch ein Schmuckstück der Berliner Architekturszene allemal.

Ab 24.5. wird der Bau offiziell der Öffentlichkeit übergeben mit Marie-Luise von Plessens Ausstellung „Idee Europa". Heute und morgen kann man sich bei den Tagen der offenen Tür von 10 bis 17 Uhr dem reinen Architekturerlebnis hingeben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben