Kultur : Zwerge vor Troja

Das Kinojahr 2004: Wie deutsche Filme Hollywood in Bedrängnis bringen

Jan Schulz-Ojala

Die nackten Zahlen sind imposant. Satte 23,5 Prozent Marktanteil hat der deutsche Film erobert – und damit im zehnten Jahr seit Beginn der verlässlichen Auswertungen durch die Filmförderanstalt (FFA) zudem einen echten Sprung gemacht. Zuvor war der deutsche Film, arg unstet, immer wieder zwischen neun und 18 Prozent gependelt – und nun das. Kein Wunder, dass der neue FFA-Chef Peter Dinges hurtig den auch qualitativ besten Jahrgang seit zehn Jahren ausrief. Kein Wunder auch, dass Kulturstaatsministerin Christina Weiss vorschnell das von ihr mitreformierte Filmförderungsgesetz als Ursache ausmachte – mit viel Lob ausgerechnet für die reichen TV-Sender, die nach wie vor nicht für die Filmkultur zahlen müssen und sich stattdessen mit Gratis-Werbezeiten schmücken.

Andererseits: Der Erfolg, mit dem der deutsche Film zu den vitalen europäischen Kino-Binnenmärkten Frankreich und Dänemark aufzuschließen scheint, ruht auf arg schmalen Säulen. Just drei Filme – „(T)Raumschiff Surprise“, „7 Zwerge“ und „Der Untergang“ – lockten 20 der 34 Millionen Zuschauer, die sich dieses Jahr für deutsche Kinofilme erwärmten. Drei Kinderfilme – „Lauras Stern“, „Bibi Blocksberg“ und „Sams in Gefahr“ – verzeichneten als zuverlässige Quotenbringer weitere drei Millionen, während sich die restlichen 106 neuen deutschen Filme um die restlichen elf Millionen Zuschauer balgen mussten: Das macht zwar im Schnitt rund 100000, brachte aber für viele nur mehr einen Platz nahe der Nachweisgrenze. Das vordergründig harmonische Angebot-Nachfrage-Verhältnis – ein Viertel der Titel zieht ein Viertel der Zuschauer ins Kino – verbirgt also ein dramatisches Ungleichgewicht. Bei insgesamt 437 in Deutschland gestarteten Filmen (auch das ein Rekord, aber ein äußerst problematischer), kämpfen viele Werke schon ums Überleben, kaum dass sie für die Leinwand geboren worden sind.

Dennoch: Da wächst was. Ein imponierendes kreatives Mittelfeld von noch jungen Regisseuren erobert sich internationalen Lorbeer und durchaus respektabel den deutschen Markt. Fatih Akins „Gegen die Wand“, Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“, Marcus Mittermeiers „Muxmäuschenstill“ stehen für starke Themen mit starken Schauspielern, die erwachsene, nicht bloß auf Eskapismus erpichte Zuschauer in ihren Bann ziehen. Ebenso wie sie ein internationales Publikum wieder aufmerksam auf deutsche Filme machen, entwickeln sie hierzulande mit jedem geglückten Kinoerlebnis so etwas wie eine neue Wahrnehmungskultur. Und schon sind deutsche Filme immer häufiger auch im Multiplex eine prima Alternative.

Es muss nicht immer McScreen sein – das ist der wichtigste Umkehrschluss, den man aus dem neuen deutschen Jubel ziehen darf. Gerade mal 63 Prozent der Kinotickets gehen dies Jahr aufs Konto Hollywood; wenn man ein paar formal britische Produktionen wie „Troja“ oder „Bridget Jones“ mitberücksichtigt, steigt die Ziffer auf knapp 70 Prozent. Für die Amerikaner bedeutet dies auf der großen deutschen Lichtspielwiese, wo bislang mindestens 80 Prozent Marktanteil zum guten Sound gehörte, eine empfindliche Einbuße. Was, wenn der Deutsche, der statistisch 1,8 mal jährlich ins Kino geht, die heimische Film(kunst-)ware noch heftiger entdeckt?

Ein Wunder wäre das nicht. Schließlich machte Hollywood zuletzt – mit zahllosen Aufgüssen alter Erfolge – kaum mehr von sich reden. Wer wenig mehr zu bieten hat als Titel, hinter denen die Ziffer 2 oder 3 steht, produziert sich in einem Markt, der sich entsprechend der Alterspyramide verändert, irgendwann ins Abseits: Der mündige Zuschauer will entdecken, nicht bloß konsumieren. Gleichzeitig machen die Deutschen den Amerikanern auf einem ihrer zentralen Wirkungsfelder, dem breitwandigen Angebot für das Kind im Erwachsenen, tückisch Konkurrenz. Wobei sie sich auch an den Genrefilm, einen weiteren US-Trumpf, wagen – einstweilen meist im Wege der Persiflage. Science Fiction, Märchen und Krimi („Der Wixxer“) haben so vor einem amüsierten Millionenpublikum ihr Fett wegbekommen.

Auch die neue politische Kontinentaldrift zeitigt ihre kulturellen Auswirkungen – fühlbar gerade auf dem von Hollywood dominierten Kinomarkt. Im Jahr der Vietnamisierung des Irak, im Jahr der Wiederwahl George W. Bushs, die auf Jahre hinaus eine christlich-messianische Weltleitkultur installiert, sieht mancher die bislang gelassen geduldete Kolonisierung des Kinos in neuem Licht. Nicht dass die mageren US-Kinodaten dieses Jahres gleich auf einen bewussten Boykott schließen ließen (der zudem selber fundamentalistisch wäre) – aber etwas hat sich schon verändert. Nicht jede cineastische Zirkusveranstaltung, die man gesehen haben muss, will man mehr wirklich sehen. Und so sind manche Produktionen, etwa „Catwoman“, „Anacondas“ oder zuletzt „Alexander“, grausam gefloppt und andere mit formal respektablem Ergebnis deutlich hinter ihren Blockbuster-Erwartungen zurückgeblieben.

Wenn das amerikanische Kino von sich reden machte, dann mit politischen Themen – allen voran Michael Moores Millionenerfolg „Fahrenheit 9/11“, der zugleich die Renaissance des Dokumentarfilms als großem Publikumsgenre weiter vorantrieb. Doch auch hier haben sich die deutschen Filmemacher und ihre Zuschauer längst gefunden. Filme wie „Höllentour“, „Rhythm Is It“ oder „Die Spielwütigen“ zeigen mit originellen, hausgemachten Stoffen, dass das Publikum sich keineswegs immer nur von der Wirklichkeit ablenken lassen will – und dies sogar zu Zeiten, in denen die Wirklichkeit dauerkrisenhaft genug erscheint.

Was bei dieser fühlbaren Emanzipation vom amerikanischen Fantasialand noch fehlt, ist die Neugier aufs Europäische. Wir telefonieren zwar fast zum Ortstarif überallhin nach Europa, wir fliegen zum Preis einer gehobenen Taxifahrt in west- wie osteuropäische Metropolen, doch auf das Interesse an der Filmkultur der Nachbarn wirkt sich das reale Zusammenrücken noch nicht aus. Sie sind die eigentlichen Verlierer des deutsch-amerikanischen Kino-Duells. Mit eben 2,6 Prozent Marktanteil führt Frankreich die Phalanx der Zwerge an: Diese stellen zwar ein Drittel aller ins Kino drängenden Filme, erreichen aber – und da sind England und Irland schon eingeschlossen – nur ein Zehntel des Publikums. Um die 100000 Zuschauer für die neuen Filme von Almodóvar, Agnès Jaoui, François Ozon oder Ken Loach: schmerzhaft wenig für diese Perlen des Kinos.

Einstweilen rüsten Deutsche und Amerikaner für das Kinojahr 2005. Der deutsche Film wird, nach dem immerhin schauspielerisch fulminanten „Untergang“-Hit, weiter mit Nazistoffen wie „Napola“ oder „Sophie Scholl“ Kasse und Festivalruhm zu machen suchen. Wobei es ein überwiegend jugendlich unbekümmerter Zugriff ist, der diesen deutschesten aller Historienstoffe fürs deutsche Kino zurückerobert: auch das, unabhängig vom künstlerischen Ausgang der Projekte, zumindest ein Akt der Emanzipation. Die Amerikaner dagegen setzen, nach den Oscars, aufs Bewährte – „Krieg der Welten“, „Star Wars: Episode III“, ein neuer „Zorro“, ein neuer „King Kong“. Klingt bombastisch. Klingt hitverdächtig. Könnte aber auch das Kino von gestern sein.

— Zatoichi

Regie: Takeshi Kitano

Für starke Stunden. So möchte man durchsLeben laufen:

angeblich blind, tatsächlich aber superhellsichtig. Und wenn’s drauf ankommt, sorgt – zack – ein Schwertstreich sekundenblitzschnell für Gerechtigkeit.

— Lost in Translation

Regie: Sofia Coppola

Für schwache Stunden.

Weil wir immer noch nicht

wissen, was Bill Murray Scarlett Johansson am Ende ins Ohr

flüstert. Und wegen der

Karaoke-Szene.

— Die fetten Jahre

sind vorbei

Regie: Hans Weingartner

Für rebellische Stunden.

Weil Weingartner mit leichter Spielerhand lauter politisch

brisante Themen über die

Leinwand wirbelt. In einem

deutschen Film!

— Hollywood 2004

Regie: Gibson, Petersen, Stone u.a.

So müde, martialisch und

ressentimentbeladen kam die Traumfabrik lange nicht

daher. Jesus im Nahen Osten, Troja, Alexander: lauter tolle

Themen. Aber alle verschenkt.

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