Kultur : Zwischen allen Stühlen

Chef der Stasi-Behörde: Gerald Praschls Biografie von Roland Jahn

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Die Diktatur im Gedächtnis. Roland Jahn. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Die Diktatur im Gedächtnis. Roland Jahn. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es gibt eine das gesamte Buch überwölbende Frage. Im Untertitel – „Ein Rebell als Behördenchef“ – ist sie angelegt, beantwortet wird sie erst auf Seite 220. Denn aktuell interessiert an der Person Roland Jahn, der Mitte März Marianne Birthler an der Spitze der Stasiunterlagenbehörde ablöste, vor allem eines: Ist dieser Mann, der nach zahllosen Repressalien und einer mehr als fünfmonatigen Haftstrafe 1983 als unverbesserlicher Kritiker des Systems aus der DDR zwangsausgesiedelt wurde, in seinem heutigen Amt als Stasiaktenverwalter von eifernder Rache getrieben? Beginnt mit ihm das, was viele schon in den frühen 90er Jahren mit Beginn der Aktenöffnung voraussagten, was aber nie eintrat, eine „Hexenjagd“? Das warfen (und werfen) ihm Kritiker vor, seit Jahn am Vortag seines Amtsantritts eine aufsehenerregende Ankündigung machte: Er werde sich nicht damit abfinden, dass noch immer rund vier Dutzend ehemalige hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter in dieser Behörde tätig seien. Dies sei „ein Schlag ins Gesicht der Opfer“, sagte Jahn.

Jahns Biograf Gerald Praschl, langjähriger, aus Bayern stammender Chefreporter der „Super Illu“, lässt wenig Zweifel daran, dass er dessen aus einem Interview wiedergegebenen Standpunkt für glaubwürdig erachtet: „eifernde Rache … sei nicht sein Sinnen“.

Inzwischen ist der Gesetzgeber Jahns Bestreben entgegengekommen: Ende September verabschiedete der Bundestag eine Änderung des Stasiunterlagengesetzes. Die 45 ehemaligen Stasi-Mitarbeiter können, sollte der Bundesrat zustimmen, was noch offen ist, auf andere Stellen im Staatsdienst versetzt werden. Der in Fragen der Vergangenheitsaufarbeitung bisher stets angestrebte Konsens mit der Opposition wurde nicht erreicht – SPD, Grüne und Linke stimmten dagegen.

Die Biografie konnte dieses Ergebnis noch nicht vermelden, insofern konnte sie auch nicht auf ernst zu nehmende Reaktionen eingehen – etwa die von Richard Schröder, der als Vorsitzender des Beirats der Stasiunterlagenbehörde aufs Engste mit der Arbeitsweise der Behörde und ihres Chefs verbunden ist. Schröder verwies im „Spiegel“ darauf, dass die Stasi-Leute Anfang der 90er Jahre „ganz legal und unter rechtsstaatlichen Verhältnissen dorthin gelangt“ sind, dass, sofern ihre Einstellung ein Fehler war, im Rechtsstaat Fehlentscheidungen mit Rechtsfolgen nicht einseitig und zulasten der Betroffenen korrigiert werden können.

Dass Jahn seine Behörde aus der Perspektive und im Interesse der Opfer zu führen gedenkt, wird man ihm wegen des hehren moralischen Anspruchs schwerlich anlasten wollen. Schröder tut es. Nach dem Wortlaut seines Amtseids müsse der Behördenchef „Gerechtigkeit gegen jedermann üben“. Vernichtender kann man aus maßgeblicher Warte einen Staatsbediensteten kaum abkanzeln.

Jahn selbst wird sich über diese Kritik ärgern. Umhauen wird sie ihn nicht. Der „Rebell“ ist widerständig aus seinem eigenen Gerechtigkeitsempfinden heraus, und einmal gewonnene moralische Überzeugungen lässt er nicht deshalb fallen, weil sie auf Gegenwehr stoßen. Die Biografie gibt reichlich darüber Auskunft. Man kennt die im Zusammenhang mit seiner Nominierung für das Behördenamt immer wieder beschriebenen provokanten Aktionen, mit denen der gebürtige Jenaer Anfang der 80er Jahre die Staatsmacht in der DDR herausforderte. Viel geschrieben wurde über die darauf folgenden Repressionen und den bis heute nicht gänzlich geklärten Tod seines Freundes Matthias Domaschk in Stasi-Haft als Initialzündung für die Abkehr Jahns vom Unrechtsstaat. Dieser entledigte sich des widerborstigen Aufrührers durch Zwangsabschiebung in die Bundesrepublik im verriegelten Interzonenzugabteil.

Was aber weniger bekannt, dennoch nicht weniger interessant ist, sind die von Praschl beschriebenen Widerstände, die den Dissidenten im Westen erwarteten. Weil er, im Unterschied übrigens zu vielen Ausgereisten, nicht die Diktaturerfahrung aus seinem Gedächtnis streicht, bleibt er ein Aufrührer. Als in die Oppositionsszene der DDR vielfach vernetzter Insider wird er, den der lange Arm der Stasi auch im Westen verfolgt, ein Chronist der aufstrebenden Bürgerbewegung in der verlassenen Heimat. In den Medien findet er zunächst nur wenige, in den Parteien nahezu keine Verbündeten, die sich trauen, diese Themen offensiv zu vertreten.

Oft sitzt Jahn zwischen allen Stühlen. Gegen den Mainstream der „Wandel- durch-Annäherung“-Politik, gegen das geistige Umfeld der Straußschen Milliardenkredit-Hinterzimmerdiplomatie, gegen die linken Träumer von der realsozialistischen Alternative ist schwer anzukommen mit dem Werben für die Unterstützung des Widerstands in der DDR. Selbst Teile der ihm eigentlich vertrauten oppositionellen Szene der DDR misstrauen dem Helfer „von drüben“.

Nach der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung muss er – als inzwischen fest angestellter ARD-Redakteur – erneut Widerstände überwinden. Ungeschminkte Aufarbeitung, die nach Mitverantwortung in der durchherrschten DDR-Gesellschaft fragt, stößt nicht überall auf Sympathie. Einstige Träger des Systems schieben die Verantwortung auf die nächsthöhere Ebene ab und die kleinen Rädchen im Getriebe wollen ihr Leben nicht entwertet sehen. Jahn bleibt beharrlich bis zur Störrischkeit. Den Politikern, die für Versöhnung plädieren, setzt er entgegen, dass dem Offenheit und Aufrichtigkeit vorausgehen müssen. „Ich setze mich für ein Klima ein, in dem sich die Menschen einlassen auf die Vergangenheit“, sagte Jahn am Wochenende. Und auch, dass die DDR nicht auf den Unrechtsstaat reduziert werden solle. „Das stößt viele Ostdeutsche vor den Kopf und negiert ihre Erfahrungen im Alltag.“

Im März 2011 wählte der Bundestag Roland Jahn mit überwältigender Mehrheit zum Chef der Stasiunterlagenbehörde. Seine Eigenschaften und Überzeugungen nimmt er, natürlich, mit ins neue Amt.

Gerald Praschl: Roland Jahn. Ein Rebell als Behördenchef. Ch. Links Verlag, Berlin, 2011. 240 S., 19,90 €. Das Buch wird am 26. Oktober um 19 Uhr in Berlin im DDR-Museum (Karl-Liebknecht-Str. 1) vorgestellt.

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