Kultur : Zwischen Bagdad und Berlin

„West-östlicher Diwan“: Im Irak entsteht ein deutsch-arabisches Zentrum

Andrea Nüsse

Vom Bagdad des Kalifen Harun al-Rashid ist wenig übrig in der Hauptstadt Iraks. Auch wer traditionelle Baukunst späterer Jahrhunderte sehen will, muss lange suchen. Dank der Petrodollars wurden in den Siebziger- und Achtzigerjahren ganze Stadtviertel abgerissen und Wohnblocks sowie Ministerien im Stil des arabischen Sozialismus hochgezogen. Grauer Beton prägt die Innenstadt.

Erst in der Haifa-Straße wird der Liebhaber historischer Gebäude fündig. Gegenüber dem teilweise ausgebrannten Justizministerium und umzingelt von trostlosen Hochhäusern stehen mehrere schmucke Villen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Aus gelbem Backstein, mit Eingangsveranda und Innenhof vermitteln sie einen Eindruck traditioneller irakischer Baukunst. In zwei Häusern will Berlins deutsch-arabischer Verein „West-östlicher Diwan“ jetzt Zentren für den Kulturaustausch einrichten. Und sie wollen eine deutsche Schule ins Leben rufen. „Es war immer mein Traum, eine Filiale in Bagdad zu errichten“, sagt Amal al-Jabouri, Mitbegründerin und erste Vorsitzende des 2002 entstandenen Kulturvereins. Im Vorstand sitzen der syrische Dichter Adonis, Joachim Sartorius, Leiter der Berliner Festspiele, und Peter Sötje, Vorstandsmitglied des Goethe-Instituts.

„Bagdad war vor dem Mongolensturm die Kulturhauptstadt dieser Weltregion. Daran wollen wir anknüpfen,“ erzählt die irakische Dichterin, die seit 1997 in Deutschland lebt. Die 36-Jährige ist zwar offiziell noch immer Kulturattaché der jemenitischen Botschaft in Berlin, verbringt aber die Hälfte des Monats in ihrer Heimatstadt Bagdad.

Die Villen hat der Verein bereits im August von der Stadt Bagdad angemietet. Allerdings konnte erst vor einigen Wochen die Renovierung beginnen: Eins der Häuser bewohnten seit Kriegsende 19 Familien. Iin das andere war die neue Tageszeitung „As-Sabah“ eingezogen; sie fand nun im Gebäude der ehemaligen irakischen Zeitung „Babel“, die Saddam Husseins Sohn Uday gehörte, ein neues Quartier. Auch der junge Mann, der hinter einem wuchtigen Schreibtisch im Erdgeschoss des leeren Hauses sitzt und sich als Vorsitzender des neuen irakischen Journalistenvereins vorstellt, will ausziehen. „Die beiden Villen sind schon für sich genommen wahre Kunstschätze“, begeistert sich al-Jabouri, die in diesem Monat ein deutsch-arabisches Schriftstellertreffen in Jemen organisiert. Mit Hinweis auf die historische Bausubstanz konnte sie dem Auswärtigen Amt in Berlin 40000 Euro zur Renovierung der Häuser entlocken.

Eine der Backsteinvillen, die der fromme Großgrundbesitzer Scheich Ahmed al-Dhahir 1930 errichten ließ, soll der Literatur und Kunst des Orients gewidmet sein. Eine Druckerpresse wurde dem Verein bereits in Deutschland geschenkt. Darauf sollen die Werke irakischer Schriftsteller gedruckt werden, die unter Saddams Regime verboten waren. „Wir konzentrieren uns auf die Schriftsteller, die das Land nicht verlassen haben. Sie haben unsere Unterstützung verdient“, findet al-Jabouri. Auch die Redaktion von „Diwan“, der zweimal jährlich erscheinenden Zeitschrift für arabische und deutsche Poesie, erhält hier ein Büro. Deren erster, zweisprachiger Band war 2001 in Berlin erschienen. Der Gründerkreis der Zeitschrift war es auch, der den Verein „West-östlicher Diwan“ ins Leben rief. Al-Jabouri zieht die jüngste Ausgabe aus der Tasche: Sie ist der Literatur Iraks und der DDR gewidmet und trägt den Titel „Schreiben zwischen Fesseln und dem Verlangen nach Freiheit". 2000 Exemplare davon wurden in Irak verteilt.

Die Nachbarvilla der Suwaidi-Familie aus dem Jahr 1931, die mit ihren Balkons und griechischen Säulen europäisch anmutet, soll dem Okzident gewidmet sein. Das Goethe-Institut will hier als Untermieter ein Büro beziehen, auch eine deutschsprachige Bibliothek ist geplant. Und die erste Klasse der deutschen Schule, die Amal al-Jabouri aufbauen will, wird hier im Frühjahr mit dem Unterricht beginnen. Lehrer der deutschen Fakultät der Universität sollen zunächst 20 Mädchen aus einem Waisenhaus unterrichten.

Wichtig ist das Projekt auch aus einem anderen Grund: „Viele Iraker habtten in Deutschland politisches Asyl und kehren nun zurück. Ihre Kinder sind in Deutschland aufgewachsen, sie brauchen im Irak eine deutsche Schule“, erklärt al-Jabouri, die selbst eine 11-jährige Tochter hat. Daher könne man nicht auf eine Entscheidung der Bundesregierung warten. Während viele Iraker resigniert und frustriert mit den chaotischen Lebensumständen kämpfen, versprüht die irakische Dichterin Optimismus und Aufbauwillen. „Eine Finanzierung haben wir noch nicht, bisher leben wir von Spenden“, erzählt sie und hofft auf mehr Hilfe aus Deutschland. Bis Mitte Februar sollen die beiden Villen renoviert sein. Zur Eröffnung will sie Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger nach Bagdad einladen: einen Gegner der amerikanischen Irak-Invasion und einen Befürworter.

Kontakt: West-östlicher Diwan e.V., Kronenstraße 43, 10117 Berlin, Telefon: 030/20619981, E-Mail: diwan_1@yahoo.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben