Kultur : Zwischen den Spiegeln

Steffen Richter

Die Neuzeit, tönte der große Eigenbrötler und noch größere Schriftsteller Arno Schmidt einst, die Neuzeit beginnt nicht mit der Entdeckung Amerikas oder der Französischen Revolution. Nein, sie beginnt mit keinem anderen als Charles Lutwidge Dodgson – alias Lewis Carroll .

Ausgerechnet den Oxforder Mathematik- und Logik-Dozenten Carroll (1832-1898) kürte Schmidt zum „Vater der modernen Literatur“. Carroll also, diesen äußerst schüchternen Mann, dem das Stottern nur in Gegenwart kleiner Mädchen verging, die er in zahlreichen Briefen zu verführen versuchte – zu einem Fototermin. Die Aufnahmen der Mädchen – mal versonnen in die Kamera blickend, mal schlafend, dann als Bettlerinnen drapiert – schillern zwischen Respekt und Voyeurismus. Carrolls Leidenschaft für die reale Alice P. Liddell verdanken wir immerhin die fantastischen Abenteuer der erfundenen Alice im Wunder- und im Spiegelland (1865/71).

Was ist so modern an diesen Büchern, in denen man in ein Kaninchenloch fällt und in einer Welt landet, in der es ein Krocketspiel mit menschlichen Spielkarten und das Grinsen einer körperlosen Grinsekatze gibt? Zum Beispiel, dass Carroll die konventionelle Verknüpfung von Wörtern mit ihrer Bedeutung kappt. Und dass er bizarre Szenarien entwirft, in denen er die verschiedenen Phasen der erst später von Freud beschriebenen Traumarbeit vorwegnimmt. Was Arno Schmidt bewunderte, ist Carrolls Fähigkeit, diese Traumlogik in einen Text zu übersetzen. Vor allem in seinem Alterswerk „Sylvie & Bruno“ (1889/93), der aberwitzigen Geschichte eines Geschwisterpaars im Land der Elfen. Gerade ist das Buch, von Michael Walter neu übersetzt, bei dtv erschienen. Anlass ist der 175. Geburtstag Carrolls am 27. Januar. Um diesen großen Modernen zu würdigen, lädt Jürgen Tomm am 16.1. (20 Uhr) zu Filmadaptionen von Carrolls Büchern in den Buchhändlerkeller (Carmerstr. 1) .

Freilich schätzte Schmidt „Sylvie & Bruno“ deswegen so hoch, weil er hier einen Vorläufer des „Längeren Gedankenspiel“ erkannte, seiner eigenen literarischen Technik der Tagtraumaufzeichnung. Das erklärt uns Joachim Kalka im Nachwort der dtv-Ausgabe. Kalka, Übersetzer, Lektor, Herausgeber und Essayist, kennt sich in den Carrollschen Grauzonen zwischen Logik und Absurdität oder Vernunft und Nonsens bestens aus. Davon zeugt sein jüngstes Buch über die „Phantome der Aufklärung“ (Berenberg). In ihm spürt er drei exemplarischen Scharlatanen des ach so erleuchteten Zeitalters nach: dem angeblichen Erfinder des Perpetuum Mobile Johann Ernst Elias Beßler, dem vermeintlichen Geisterbeschwörer Johann Georg Schröpfer und dem dreisten Hochstapler und Freimaurer Alessandro Cagliostro. Um sie geht es im Gespräch zwischen Kalka und Michael Rohrwasser am 19.1. (20 Uhr) im Literaturhaus (Fasanenstr. 23).

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