Zwischen den SPIELEN (4) : Das Brettspiel

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Erwartet etwas anderes als eine Blamage diejenige, die sich hiermit öffentlich als Freundin, vielleicht sogar als Kennerin des Brettspiels zeigt? Brettspiele sind wie Mettigel, ganz hinten auf dem Hochzeitsbuffet, wie eine Tischtennismannschaft, gegründet von Maschinenbaustudenten: Ihr Ruf ist nicht zu retten. Aber dem liegt ein Missverständnis zugrunde, denn ein gelungener Spieleabend bietet Hochspannung! Die Kennerin weiß das, denn beim Brettspiel lebt sie ihre finsteren Instinkte aus.

Brutal, skrupellos und ungehemmt egoistisch, das ist sie im Alltag nicht, sie könnte es nicht, sie würde es niemals wollen. Dafür hat sie den Spieltisch. Bei echten Brettspielen nämlich, komplexen Strategiespielen, die weit jenseits von Sprach- und Kritzelformaten funktionieren, ist der Kampf um den Sieg gnadenlos. Es gewinnt, wer schärfer und schneller denkt als die Konkurrenz, wer mehr Glück hat, aber auch, wer im entscheidenden Moment zuschlägt. Die natürlichen Feinde des echten Brettspielers sind, in dieser Reihenfolge: Pärchen, die ihr Privatleben mit an den Spieltisch nehmen („Aber du kannst doch nicht einfach meine Universität einreißen, Schnuffi!“), Heulsusen („Ich hab doch eh schon verloren, ich mach nicht mehr mit“), Langsammerker („Wieso hat denn Karin plötzlich gewonnen?“). Solche Störfaktoren sind zu eliminieren, dann kann das Messerwetzen beginnen.

Natürlich gehört auch Fantasie dazu. Die Spieler hetzen Roboter durch eine Fabrik voller Fallen, errichten ein Postkutschennetz im Süddeutschland des 17. Jahrhunderts oder kämpfen als Herrscher einer Bananenrepublik darum, ihr ergaunertes Vermögen in die Schweiz zu transferieren. Auch dafür mag die Kennerin ihr Hobby, und wer das für Kinderkram hält, für den sind vielleicht auch Kinofilme Unfug. Am Ende aber geht es nur um eines: Welcher Roboter war der schnellste, welches Postnetz das erfolgreichste, welcher Diktator der raffgierigste? Es lockt der Triumph, und deshalb sucht der Spielefreund stets nach Eingeweihten, mit denen er sich messen kann. Karin Christmann

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