Zwischen den SPIELEN (6) : Das Vabanquespiel

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Auch wenn jetzt schnell noch eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen und die Deckungssumme für die Hausratspolice angepasst wird: Wir sind alle Spieler. Es vergeht kein Tag, an dem die hektischen Versuche der Politik, Europa finanziell doch noch beisammenzuhalten, als „Vabanquespiel“ kommentiert werden. Dieser Begriff aus der historischen Zockersprache meint „Es gilt die Bank“ – und bedeutet, dass ein Spieler dazu bereit ist, einen Einsatz in Höhe der gesamten aktuellen Bankeinlage zu tätigen. Einer gegen die Bank. Mehr Risiko geht nicht.

Oder doch? Wieviele Milliarden werden wir gegen spanische Banken mit ihren wertlos gewordenen Immobilienpapieren setzen? Wie steht es dabei um unser Limit, unsere Gewinnchancen? Es verwundert nicht, dass in dieser Hochzeit des Staatsspielertums eine Sehnsucht wächst, die eigene Existenz zu riskieren. Poker, Roulette und Baccara als Akt der Selbstbestimmung, auch bis zur bitteren Neige. 25 Milliarden Euro im Jahr lassen sich die Deutschen das Glücksspiel kosten, 4,5 Milliarden davon fließen direkt dem Staat zu. Bunte Casinoleuchtschriften glimmen auf im Herzen der Stadt. Die klassische Spielbank dagegen ist ein ruhiger Ort von beinahe aristokratischer Ausstrahlung, kein aufgeregtes Börsenparkett. Seine Besucher sind seriös dem Schicksal ergeben,

So auch in Venedigs Wintercasino im Palazzo Vendramin. Dort wird das Lieblingsspiel von 007 gepflegt, Chemin de fer, und die Roulettekugel rollt unter den unbewegten Augen von Croupiers auf leicht erhöhten Sitzen. Herren, deren Fliege sich unmerklich gelockert hat, setzen an zwei Tischen zugleich. Jetonberge wandern, so flink, dass man sie gar nicht mehr umzurechnen vermag. Ein paar Zimmer weiter schied Wagner unter den Worten „Liebe – Tragik“ vom Leben. Im Palazzo Vendramin spürt man: Die Lust des Spielers ist das Spiel, ihr Höhepunkt aber der stoisch ertragene Bankrott. Vabanque spielen – gegen etwas setzen, das auf lange Sicht immer gewinnt. Wie der Tod. Sich dem Zufall hingeben. Meister des eigenen Untergangs werden. In Abwandlung seines berühmten Spruchs vom Spiel soll Schiller beim Flirt mit einer Serviertochter gesagt haben: „Der Mensch ist nur da ganz Spieler, wo er sich verschenkt!“ Ulrich Amling

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