Zwischen den SPIELEN (7) : Das Puppenspiel

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Eins der faszinierendsten Geschenke, das er als Kind erhielt, so schreibt der Erwachsene in seinen Erinnerungen, war ein Puppenspiel, das „in dem alten Hause eine neue Welt erschuf“. Der Junge war hingerissen von der „kleinen Bühne mit ihrem stummen Personal, die man uns anfangs nur vorgezeigt hatte, nachher aber zu eigner Übung und dramatischer Belebung übergab“. Den stummen Figuren liehen die Kinder ihre Stimmen, das Miniaturtheater füllte sich mit Geschichten, die die Geschwister selber erfanden.

Was Johann Wolfgang von Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ schildert, bildete die Basis späterer Fantasietätigkeit des Jungen. Wo Kinder frei mit Puppentheatern und Puppenhäusern spielen können, verfügen sie ja tatsächlich im alten Haus, im Haus der Alten, über eine neue Welt, eine eigene. Jedes Kind sollte ein solches Spielhaus haben, in dem sich unscripted drama ereignet und Vorgänge aus der Fantasie in materielle Repräsentation übersetzt werden.

Als wir in der Kinderzeit Dutzende von Figuren durch die vier Zimmer des Minihauses toben ließen, das ein Tischler schlicht, wie aus Kisten, zusammengezimmert hatte, war alles möglich. Wir konnten – wir waren ja die Figuren – auf dem Dachfirst herumlaufen und über das Haus fliegen. Wir konnten Banden kleiner Figuren zusammenrotten und Konflikte zu deren Gunsten ausgehen lassen, ein Stück Stoffrest in einen Unsichtbar-Umhang verwandeln, aus dem Wohnzimmer eine Geheimhöhle machen, aus einem Teddy einen trotteligen Lehrer, aus einem Eierwärmer mit hölzernem Kopf und Armen eine dralle Nachbarsfrau. Manche Figuren wurden mit den Stimmen autoritärer oder affektierter Erwachsener ausgestattet, worüber die Kinder in ungebremstes Lachen ausbrachen. Stunden über Stunden dauerte die Anarchie an – im Puppenhaus ließ sich das ganze Irrenhaus der Welt ringsum ad absurdum führen und bannen. Wie hätte man sie anders ausgehalten?

Von Donald Winnicotts Praxis des Spiels mit Kindern hatten wir so wenig Ahnung wie von Virginia Axlines großartiger, nicht direktiver „Play Therapy“, die in New York 20 Jahre vor unserem Spielen entwickelt worden war. Hilfreiches, heilsames Spielen ist in jedem Kind angelegt, es muss nur passieren dürfen. Vorgestanzte Pixelpeople mit vorgefertigten Narrativen auf hierarchischen Levels, wie Playstations sie bieten, sind von solchem Spiel Lichtjahre entfernt. Schenkt den Kindern Spieltheater! Caroline Fetscher

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