Zwischen den SPIELEN (8) : Das Trauerspiel

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Was für ein Trauerspiel! Ein Ausruf von zeitloser Wahrheit, fast immer und zu jeder Gelegenheit angebracht. Wie sonst hätte man die Balotelli-Gala im Halbfinale adäquater kommentieren sollen? Eben. Aber man muss gar nicht zu so drastischen Beispielen greifen. Das Trauerspiel hat sich längst von allen Gattungsgrenzen emanzipiert und findet seine Bühne überall, als Disziplin irgendwo zwischen Tragödie und Farce. Aufgeführt für Spötter von Welt, die nur ein wissendes Kopfschütteln übrig haben für das Versagen ohne Fallhöhe in Sport, Kunst, Politik und Privatleben. Die verpatzte Flughafeneröffnung, das Gezerre um die Eurorettung, die jüngsten Günter-Grass-Gedichte– alles Trauerspiele. Oder kürzlich der Popanz um die Papst-Klage gegen die Messgewand-Beschmutzer von der „Titanic“.

Obwohl, stopp, Kommando zurück. Der Klerus und überhaupt die höheren Stände haben hier nichts verloren. Das Trauerspiel trug schließlich nicht von ungefähr den Vornamen „Bürgerliches“, als es im 18. Jahrhundert von Frankreich aus seinen Siegeszug durch Theater-Europa antrat. Geschaffen für die benachteiligten Unadeligen, die nicht länger den Hanswurst gegenüber Königen und anderen hochwohlgeborenen Hauptfiguren auf der Bühne abgeben wollten. Sie wollten sich selbst wiedererkennen. Man hat ja schließlich auch als einfacher Mensch so seine abbildenswerten Probleme, meist im Liebesbereich. Gotthold Ephraim Lessing hat das Genre in Deutschland populär gemacht, 1755, mit „Miss Sara Sampson“. Eine Geschichte über aufrichtig Liebende, intrigante Giftattentäterinnen und Väter, die ihren Töchtern erwartungsfrohe Briefe schreiben.

Apropos. Vielleicht liegt hier schon ein Grund, weshalb einige ungnädige Geister meinen, mit dem bürgerlichen Trauerspiel sei der Gegenwart nicht mehr beizukommen. Lessing hatte keinen E-mail-Account. Der Elektrobriefkasten des Verfassers dieser Zeilen aber wurde unlängst gehackt und fürs Verschicken von Spammail an sämtliche beruflichen und privaten Kontakte missbraucht. Nicht die übliche Werbung für Potenzzeugs. Sondern für Diätpillen, wie sich herausstellte. Seitdem schreiben zu Tode beleidigte Freunde zurück, so in der Art: „Vielen Dank auch für den Tipp, du hältst mich also für fett?“ Keiner zweifelt an meinen niedersten Absichten. Da stellt sich die Frage: Ist das noch ein Trauerspiel? Oder doch schon eine Tragödie? Patrick Wildermann

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