Kultur : Zwischen Forte und Fortissimo

KLASSIK

Christiane Peitz

Diese Hektik. Warum tut man sich das eigentlich an: Leben in der Großstadt? Ist doch nur Krach, Stress, Chaos, Einsamkeit, kalte Fassaden, Kakophonie. Alles rennet, rettet, flüchtet. Dieses Staccato, dieses insistent und impertinent Immergleiche: Kaum weht so etwas wie Klang durch die Straßenschlucht, schon steckt er im Stau. Jeder Ton hat messerscharfe Kanten, und jeder Sound wächst sich zum Wolkenkratzer aus, zum akustischen Moloch: Babylon revisited.

Heiner Goebbels’ monumentales Orchesterwerk „Surrogate Cities“ (von 1994) ist eine Hassliebeserklärung an die Stadt, basierend auf Texten von Paul Auster, Italo Calvino, Franz Kafka, Heiner Müller und Hugo Hamilton. Die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle machen daraus ein ohrenbetäubendes, herzergreifendes MetropolisVerwirrspiel, einen düsteren, hellsichtigen, gleißenden Abend. Nur die Pultlichter sind angeknipst im Scharoun-Bau, und die Lichtregie jagt mal grelles, mal schnelles, mal eisblaues Blendwerk durch den Raum.

Die Stadt als Kriegsschauplatz. Und als Überlebenskunstwerk: War das nicht Scarlatti, zwischen Trommelgewitter und Blechkollision? Gesampelter jüdischer Kantorengesang? Jocelyn B. Smith singt einen coolen (und, nun ja, auch kitschigen) Blues von Stammesfehde und Blutrache, und der Stimmakrobat David Moss verwandelt alles Urbane in seine berühmten mikroskopisch präzisen, ekstatischen Zuckungen. Oasen? Nirgends. Diesmal verbietet sich sogar der Romantiker Rattle das Schwelgen und peitscht die Philharmoniker durch die Partitur. Ein großartiger Kraftakt. Denn die Wucht des Werks gründet nicht auf Gewalt, sondern im Drang nach Freiheit. Die Stadt mag ein Labyrinth sein. Aber eines, in dem jeder nach seiner Fasson selig werden kann.

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