Kultur : Zwischen Gott und Adenauer

„Geisteskranke“ Kirchenführer, imperialistische Bahnhofsmissionare: Martin Greschat beschreibt, wie die Protestanten den Kalten Krieg überlebten

Hannes Schwenger

An einen „Abgrund von Landesverrat“ glaubte Konrad Adenauer bekanntlich in der „Spiegel“-Affäre 1962. Es war nicht das erste Mal. Schon im Herbst 1950, als der hessen-nassauische Kirchenpräsident Martin Niemöller dem Kanzler Remilitarisierung gegen den Willen des Volkes vorwarf und Neuwahlen forderte, brach es im Kabinett aus Adenauer heraus: Niemöller sei „geisteskrank“, habe „nackten Landesverrat geübt“ und gehöre „eigentlich hinter Schloss und Riegel“ (wo er unter Hitler schon einmal gesessen hatte). Eben erst hatte der katholische Kanzler seinen protestantischen Innenminister Gustav Heinemann entlassen, der seinen Rücktritt eingereicht hatte, weil Adenauer die Aufstellung einer Bundespolizei für die Innere Sicherheit angekündigt hatte. Statt Heinemann wurde Robert Lehr zum Innenminister ernannt, laut Adenauer „ein sehr bekannter und sehr führender Mann in der evangelischen Kirche“. Die wusste allerdings nichts davon.

So dramatisch ging es zu um den deutschen Protestantismus im Kalten Krieg, dem Martin Greschat eine umfangreiche Studie über Kirche, Politik und Gesellschaft im geteilten Deutschland 1945– 1963 gewidmet hat. Dabei geht es weniger um die – erheblichen – Differenzen der Konfessionen, die sich auch in der gemischtkonfessionellen Kanzlerpartei bemerkbar machten, sondern um die Zerreißprobe des deutschen Protestantismus unter zwei Obrigkeiten – Bundesrepublik und DDR –, die wie die Besatzungsmächte miteinander im Kalten Krieg lagen. Diese Zerreißprobe endete erst in den sechziger Jahren mit der Gründung des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR.

Wie die evangelischen Christen bis dahin die eigene und die Einheit Deutschlands zu wahren suchten, darüber schreibt Greschat – ohne zu verkennen, dass auch sie schließlich nicht umhinkamen, „die Macht des Faktischen zu befördern, die die Zweiteilung Deutschlands vorantrieb“. Denn das war das Dilemma der Kirchen in beiden deutschen Staaten: Je mehr sie sich darauf einließen, die konkreten Interessen ihrer Gläubigen bei der jeweiligen Obrigkeit zu vertreten, desto größer war die Gefahr, von ihr politisch instrumentalisiert zu werden. Beide Seiten, die östliche „Weltfriedensbewegung“ und – Greschat meint: sehr viel stärker noch – der westliche Antikommunismus beschworen christlich- humanistische Werte und „bemühten sich, die Kirchen für die Verteidigung und Durchsetzung ihrer Ideologien zu mobilisieren“. Und zuweilen sah es so aus, als hätten sie damit auch grenzüberschreitend Erfolg: Speziell im Fall Niemöllers, der anders als der spätere Bundespräsident Heinemann die Bundesrepublik anfangs „eindeutig ablehnte“ (Greschat). Niemöller wurde in der Folge zu einem bevorzugten Gesprächspartner der DDR im Westen.

Solche Bündnispolitik hinderte die SED allerdings nicht daran, im eigenen Machtbereich widerspenstige Pfarrer zu verhaften und die Jungen Gemeinden zu drangsalieren. 1954 beschuldigte das Politbüro „die Kirchen und ihre Einrichtungen als die stärkste legale Position der imperialistischen Kräfte“. 1956 wurde die evangelische Bahnhofsmission wegen angeblicher Spionage verboten. Danach gelang ihr endlich auch, den thüringischen Bischof Moritz Mitzenheim als ersten Landesbischof aus der Gemeinsamkeit der Evangelischen Landeskirchen herauszubrechen und ihn als einzigen Gesprächspartner aufzubauen. Ulbricht bedankte sich dafür bei ihm mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold.

In der Bundesrepublik scheiterten indessen sowohl Heinemann mit seiner „Gesamtdeutschen Volkspartei“ als auch Niemöller mit seiner Fundamentalopposition gegen den Staat Adenauers, dem er unterstellte: „Die derzeitige westdeutsche Regierung war empfangen im Vatikan und geboren in Washington. Die Fortdauer des westdeutschen Staates bedeutet den Tod des kontinentalen Protestantismus.“ Den Tod der evangelischen Volkskirche fürchteten aus anderen Gründen – wegen ihrer Verfolgung durch die SED – auch die Kirchen der DDR, so dass führende Theologen das Ende des „konstantinischen Zeitalters“ mit seinem Bündnis von Staat und Kirche gekommen sahen. Doch hier wie da blieben nach Greschats Urteil die Grundlagen des institutionellen Protestantismus bestehen: „In der DDR blieb der Protestantismus in den fünfziger Jahren stark genug, um sich auf den einmal gelegten Fundamenten öffentlich zu behaupten. In der Bundesrepublik lernte er, ebenfalls unter Schmerzen, die Zustimmung zu einem politischen, weltanschaulichen und nicht zuletzt konfessionellen Pluralismus.“

Ein letztes Kapitel gilt der Entwicklung der Ökumene, wo sich ebenfalls die Fronten des Kalten Kriegs in Gestalt der Prager „Christlichen Friedenskonferenz“ und des Genfer Ökumenischen Rats gegenüberstanden. Auch da fanden die Kirchen noch einen gemeinsamen dritten Weg mit der Gründung der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) 1964 – nicht ohne ein Störmanöver der DDR, die ihren Kirchenvertretern verbot, Einreisevisa für das Nato-Land Dänemark beim Alliierten Reisebüro in West-Berlin zu beantragen. „Mithilfe dänischer Politiker wurde die Tagung aufs Wasser verlegt, wodurch die Passschwierigkeiten entfielen“. So erfolgte die endgültige Gründung der KEK 1964 an Bord der „MS Bornholm“ auf hoher See – wo man bekanntlich in Gottes Hand steht.



– Martin Greschat:

Protestantismus im Kalten Krieg. Kirche, Politik und Gesellschaft im geteilten Deutschland 1945– 1963. Schöningh Verlag, Paderborn 2010. 452 Seiten, 44,90 Euro.

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