Kultur : Zwischen Ich und Außenwelt

ELFI KREIS

Manchmal möchte man am liebsten "aus der Haut fahren", doch letztlich gilt: "niemand kann aus seiner Haut heraus". Statt dessen zeigt sich der Mensch äußerst erfinderisch im Entwerfen und Verfertigen immer neuer, künstlicher Körperhüllen. Dieser Themenkomplex rund um Haut und Kleidung mit seiner Vielfalt an kulturgeschichtlichen, literarischen, gesellschaftlichen Bezügen steht bei Birgit Dieker im Mittelpunkt. Die junge Berliner Bildhauerin besetzt mit ihren formal abstrakten, aber auch körperbezogenen Objekten (5000 bis 9000 Mark) Grenzbereiche der Figuration.Eine leere Körperhülle betont die reale Abwesenheit des Körpers. In Patchworktechnik hat Dieker eine zweite menschliche Haut aus naturfarbenem Kalbsleder zusammengefügt. Die deutlich hervorgehobenen Nähte gleichen Wundnarben. Das symbolträchtige Wappenbild der Lilie wird bei ihr zu einem Muster von Brandzeichen (5000 Mark). Die Arbeit vereint Ambivalentes. Sie signalisiert zugleich Verletztheit und Verletzlichkeit, deutet Robust-Rustikales an ebenso wie Modisch-Elegantes.Eine andere Arbeit mit dem kecken Titel "Weiberspeck" operiert im Gegenzug mit körperbetonten Kunstpolstern. Das Objekt baumelt an Lederriemen wie eine Kinderwippe von der Decke und gleicht dem weichen Ersatzteillager für eine üppige, zeitgenössische Venus von Willendorf. Anregung zu "Weiberspeck" gaben busen- und poförmige Kissen für Kostüme. Mit ihnen verstanden es Damen bereits im Barock, trickreich vermeintliche Mängel ihrer Figur zu kaschieren. Für Dieker markiert Haut eine Grenze zwischen Ich und Außenwelt. Dabei legt die Künstlerin bei ihren Arbeiten großen Wert auf handwerkliche Sorgfalt.Für ihre mit Kleidungsstücken prall gefüllte Matratze aus transparenter PVC-Folie ("Night Mare") nahm die Bildhauerin die professionelle Mithilfe eines Polsterers in Anspruch. Was auf den ersten Blick wie ein zufällig aus der Altkleidersammlung bunt zusammengewürfelter Fundus an Stoff wirkt, entpuppt sich auf den zweiten als handverlesen. Das dreidimensionale Bild erscheint zunächst abstrakt und erinnert an Hinterglasmalerei. Man muß schon genau hinschauen, um das geschickt zwischen Blue Jeans und Krawatten aus Anorakkapuze, Handschuh und Spitzenbody eincollagierte Figurenpaar zu entdecken. Auf beunruhigende Art überzeugt "Night Mare" mit abstrakter Form und surrealem Inhalt von theatralischer Spannung. Von einer emaillierten Badewanne blieb nur der weiße Rand; die Wannenform bildet eine körperhafte Wand daran aufgehängter Badeanzügen in Schwarz: ein in die Tiefe ziehender, ins Bodenlose führender Albtraum mit Spielraum für Assoziationen von Wasserleichen bis schwarze Witwen. Dieker jongliert mit Erinnerungsmustern, auch mit denen der Kindheit, wo des nachts ein Mantel auf seinem Kleiderbügel zu geheimem, gespenstigen Eigenleben erwachen und das Fürchten lehren konnte.

Busche Galerie, Bundesallee 32, bis 21. August; Dienstag bis Freitag 14.30 - 18.30 Uhr, Sonnabend 11 - 14 Uhr.

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