Kultur : Zwischen Kult und Profilneurose

Zahlreicher und gewinnbringender waren zeitgenössische Kunstmessen noch nie. Doch der internationale Konkurrenzkampf verschärft sich

Eva Karcher

Von Müdigkeit keine Spur. Mit der zweiten Art Basel Miami Beach rundete sich nicht nur ein an Terminen bemerkenswert dicht gedrängtes, sondern auch auffallend erfolgreiches Messejahr. Wie sehr Kunst der Gegenwart und der klassischen Moderne inzwischen Lifestyle-Element und fester Bestandteil einer weltweiten Eventkultur geworden sind, zeigte sich 2003 symptomatisch sowohl an den allgemein gestiegenen Besucherzahlen als auch an den oft überragenden Verkaufsergebnissen der international und regional miteinander konkurrierenden, zum Teil heftig um ihr Profil ringenden Messen.

Reisefieber hatte Galeristen, Sammler, Museumsdirektoren, Kuratoren und Kritiker auf unermüdlicher Suche nach Top-Qualität und spannenden Entdeckungen gepackt; erst unterwegs, so schien sich das nomadisierte Kunstvolk insgeheim einig, könne man das globale Angebot in seinem ganzen Spektrum überblicken und je nach den eigenen finanziellen Mitteln ausschöpfen. Der Trend der Szene, sich zu mobilisieren, ist unübersehbar. Messen entwickeln sich für Galeristen, Künstler und Entourage derzeit vor den heimischen Standorten der Händler zu den Hauptschauplätzen. Gleichzeitig stabilisieren sie sich auf verschiedenen Levels der Internationalität, beziehungsweise kämpfen um ihre Positionen auf dem immer transparenteren Markt der zeitgenössischen und modernen Kunst.

Unangefochtenes Modell für die Fähigkeit, Business mit Animation zu mixen, bleibt dabei die Art Basel. Zusammen mit ihrer kleinen Schwester in Miami setzt sie die Maßstäbe. Während in Basel im Juni traditionell erlesene Klassiker des 20. Jahrhunderts von Picasso und Mondrian bis de Kooning und Basquiat Umsätze in zweistelliger Millionenhöhe garantieren, entfaltet Miami Anfang Dezember seine unwiderstehliche Magie über das Renommee der 175 beteiligten Händler hinaus als neues Festival der Kunst, als fünftägige Dauerparty, deren überaus großzügiger Gastgeber die gesamte Stadt ist.

Schon jetzt gilt die Art Basel Miami Beach einhellig als „number one“ der amerikanischen Messen, hinter der die an sich etablierte New Yorker Armory Show in der ersten Märzhälfte zu verblassen droht, ganz zu schweigen von der Art Chicago Anfang Mai. Schon sieht der eine oder andere Galerist die Zukunft der letzteren ganz in Frage gestellt oder spricht im Fall der Armory Show von einer ungeliebten Pflichtveranstaltung.

Angesichts der steigenden Zahl von Gegenwartskunstmessen – der jüngste Newcomer, die Londoner Frieze Art Fair feierte im Oktober einen furiosen Einstand – stellt sich die Frage, wie viele Messen die an sich kleine Szene der Sammler, der Profi-Einkäufer für Museen, Institutionen und Unternehmen verträgt. Außerdem: Wie lange können die Händler ihre Präsenz auf vier bis acht Messen pro Jahr finanzieren? Wie inflationär ist der Messeboom? Und wie kann der Level hoher bis höchster Qualität gehalten werden?

Gleichzeitig mit der quantitativen Zunahme der Messen scheint ein Prozess der Differenzierung in Gang gekommen zu sein. Messen wie die Ende Januar stattfindende Arte Fiera Bologna, die Art Frankfurt Ende April, die Art Chicago, und seit vergangenem Jahr leider auch die sich um den Oktober drängenden Messen Art Forum Berlin, Pariser Fiac und Art Cologne werden sich entweder von ihrem Anspruch auf Internationalität verabschieden oder hart um ihn kämpfen müssen. Auf nationalem Parkett zu glänzen wie die Kunst-Messe München, regionalem Terrain zu überzeugen wie die Art Brussels oder auf lokaler Ebene zu bestehen wie die „kunst wien“ und die „KunstKöln“, mag im einen oder anderen Fall die überzeugendere Strategie sein als sich in vergeblicher Akrobatik um Internationalität zu verrenken.

Warum Messen wie die Turiner artissima im November oder die Madrider Arco, die erneut vom 12. bis zum 16. Februar 2004 stattfindet, immer mehr internationales Profil gewinnen, liegt nicht zuletzt am Engagement der jeweiligen Städte. Wie Miami verwandelt sich auch Turin in eine Art Gesamtkunstwerk aus Ausstellungen, Straßenfesten und exklusiven Privatdinners. Von der Arco geladene Museen und Stiftungen sind verpflichtet, Kunst zu kaufen. Die Madrider Messe bindet wie Basel Museen, Galerien, Hotels und VIP’s der Umgebung in ihr reichhaltiges Programm mit ein und sie zieht wie Miami die vielversprechende, riesige lateinamerikanische Sammler- und Händlerszene an. Sogar zwei afrikanische Galeristen sind zur Arco’04 geladen. Solch unbefangene Weltläufigkeit stünde den zurzeit ermatteten deutschen Renommiermessen in Berlin und Köln gut an. Erfindungsgeist und Experimentierfreude lassen sich zudem auch mit schmaleren Budgets vereinbaren.

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