Kultur : Zwischenruf - Der Frauenfänger

JÖRG KÖNIGSDORF

Wer ins Schlaraffenland will, heißt es im Märchen, muß sich erst durch einen Riesenberg von Brei hindurchfressen - denn nur, wer dann immer noch Appetit hat, ist genußtauglich.Wer ins Konzerthaus will, muß sich einer vergleichbaren akustischen Bewährungsprobe unterziehen: Vor allen Eingängen haben sich Musiker postiert, die mit ihren instrumentalen Fertigkeiten dem Konzertbesucher eine milde Gabe zu entlocken hoffen.Vor der großen Freitreppe schwappen die Schallwellen des "Hallelujah" von rechts und eines Mozart-Violinkonzerts von links ineinander und machen ein stilles Genießen des abendlichen Gendarmenmarktes unmöglich.Das wäre angesichts der verständlichen Notlage der Musiker kaum mehr als einen schicksalsergebenen Seufzer wert, wenn nicht zumindest teilweise Abhilfe geschaffen werden könnte.Denn seit einigen Tagen mischt sich unter das vielstimmige Konzert die wehmütige Weise einer Baßklarinette, gespielt von einem traurig dreinblickenden Mann im Rattenfängerkostüm, der sich nur "Der Stadtbarde" nennt.Dieser Musikus will kein Geld - oder nur nebenbei: drei Messingtöpfe für Münzen stehen sicherheitshalber bereit - sondern ein Weib und eine Mutter für seine drei Knaben.Die tollen auch schon munter zu Füßen ihres Vaters herum und halten nach einer opferbereiten Berlinerin Ausschau.Doch der Mann ist flexibel: Die Konzertbesucherinnen, die dauerhafte Bindungen scheuen, sind auch als kurzfristige Glücksbringerinnen willkommen.Und sollte auch das nicht klappen, bleibt nur die Hoffnung, daß die Münzen in den Messingtöpfen wenigstens für eine Kontaktanzeige ausreichen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben