Kultur : ZWISCHENRUF

JAN SCHULZ-OJALA

Nein, daß wir die Erde von unseren Kindern nur geliehen haben, das hat er nicht gesagt.Auch nicht, daß wir erst, wenn der letzte Baum gerodet ist, wissen werden, daß man Geld nicht essen kann und so weiter.Jedenfalls nicht wörtlich.Doch sinngemäß: Pfleglich mögen wir mit der Erde umgehen, weil wir nur diese eine, unsere, haben.Mitschreiben aber war unmöglich.Man saß und schaute, und unmerklich - war es nicht so? - faltete man die Hände.

Der Film "Blue Planet", den man im neuen IMAX-Kino am Potsdamer Platz sehen kann, dauert 45 Minuten.Keine Länge für einen Film, werden Sie sagen und recht damit haben, denn "Blue Planet" ist eine bebilderte Predigt.Und das Publikum, das ins Innere dieser Kugel strömt, verläßt sie als Gemeinde.45 Minuten lang hat es auf eine gewölbte Leinwand gesehen wie aus dem Erdinneren auf die Haut unseres Planeten und doch - Zauber der Technik - wie aus dem All auf das Äußere der Erde.45 Minuten lauschte es, im Banne fraglos phantastischer Bilder, einer vertrauenerweckenden, älteren, sonoren, männlichen Off-Stimme, die die Schönheiten und die Sorgen des Erdballs beschwor.Und ist es nicht ein erhebender Augenblick, wenn einmal nicht die Sonne, sondern die Erde buchstäblich aufgeht vor unseren Augen?

"Domeprojektion" nennen die Fachleute diese Technik, mit der Bilder auf eine riesige gewölbte Leinwand geworfen werden.Nicht zufällig wohl.Denn es mag keine Kirche im Dienstleistungs-, Konsum- und auch Wohndorf in der alten neuen Berliner Mitte geben, wohl aber steht ein Dom in Daimler City.Und so ist es - mit ein bißchen Phantasie - nicht ein beliebiger Synchronsprecher, sondern der Schöpfer persönlich, der da aus dem All zu uns spricht; mit ein bißchen Phantasie auch verwandeln sich die Popcorn-Eimer, die da auf den Schößen ruhen und kaum angegrabbelt werden, so mucksmäuschenstill ist es während der Vorführung, in leicht deformierte Oblaten, mit denen das Publikum sich nachher selbst den Segen geben kann."Blue Planet" - ein ökumenischer, ja, ein ökomenischer Gottesdienst.

Freilich einer der allzu sanften Art.Niemand, der mit dem Auto gekommen ist, um ihm beizuwohnen, muß sich schuldig fühlen; kein Verbrennungsmotor, sondern allenfalls der sehr fern brennende Regenwald wird ins Bild gesetzt, wenn es vor nahen Katastrophen zu warnen gilt; und die größten Energieverschwender der Welt - Nordamerika, Europa, Japan - sind nur als eher malerisch gleißende Flächen auf der nächtlichen Erdoberfläche erkennbar.Schuldige werden nicht benannt bei dieser Messe im säkularen Zentrum einer Metropole, deren Leuchten dank Daimler-City wieder ein bißchen heller geworden ist.Vielmehr erteilt man ihnen Absolution.

Also wird die knapp 500 Köpfe zählende Gemeinde nach der Zeremonie hinuntergeschleust nicht ins Freie, sondern mitten in das Einkaufszentrum, das auch zur Nacht hin unter Tausenden von Glühbirnen strahlt.Hier warten die Marketender am Wegrand, und der Hausherr selbst hat ein paar bunte Exemplare seines Kleinwagenmodells überdeutlich ins Blickfeld gerückt.Volltanken bitte, locken die Wägelchen, und hinaus in die irgendwo noch dunkle Nacht!

Der Dom da droben ist nah und fern zugleich.Wirklich ein Dom: der schöne Hülle gewordene Widerspruch zur Welt.

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