Kultur : ZWISCHENRUF

JÖRG KÖNIGSDORF

Was ist nur dran an diesem Stadtteil, das er die intellektuelle Subkultur Berlins so nachhaltig fasziniert? Neukölln ist auf den Off-Bühnen der Hauptstadt präsenter als alle anderen Stadtteile, nicht nur die Neuköllner Oper schöpft in ihrer aktuellen Produktion "Das Wunder von Neukölln" aus der alltäglichen Erlebniswelt zwischen Sonnenallee und Herrmannstraße, eine Kabarettruppe wie die Teufelsberger gedeiht schon seit einer Generation auf dem befruchtenden Humus von Berlins bevölkerungsreichstem Bezirk.Eine Ehre, die weder dem sozial ähnlich strukturierten Wedding noch den eigentlich genauso kulttauglichen Ost-Plattenbausiedlungen zuteil wird.Denn wo im Wedding die Tristesse der alkoholismusgeschwängerten Armut das Straßenbild dominiert und im Osten die großräumigen Neubauviertel kein Straßenleben zulassen, zeigt Neukölln das Proletarierleben von seiner bunten Seite.Und die hat nicht erst seit Genet Intellektuelle immer wieder fasziniert.Vermittelt sie ihnen doch nicht nur das insgeheim so geliebte Gefühl des Andersseins, sondern auch das der erotischen Anziehungskraft.Denn die strähnchenblondierten Supermarkt-Kassiererinnen und breitbeinig einherstolzierenden Halbstarken sind mit ihren ganz archaischen Mann-Frau-Schemata die ideale Projektionsfläche für skrupelgebeutelte Feuilletonleser.Kein Wunder, daß gerade die schwule Off-Kultur sich von dieser prallen Trash-Welt besonders angezogen fühlt.Beschäftigt sich schwules Kulturtreiben doch seit jeher am liebsten mit Geschlechterrollen in ihren extremsten Erscheinungsformen und reibt sich am kleinbürgerlichen Verhaltenskodex.Die Neuköllner selber nehmen ihre inspirierende Funktion vermutlich gar nicht wahr - und das ist nur gut so.Denn nur so bleibt das Paradies erhalten.

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