Kultur : Zwischenstation Sehnsucht

NICOLA KUHN

Nicht nur das regnerische Wetter spricht dafür: Der Sommer 1998 ist in Berlin ein Sommer der Museen.Nach dem Antikenmuseum und der Gemäldegalerie hat nun die Alte Nationalgalerie zwar nicht ihre Pforten wiedereröffnet, doch ist zumindest ein Teil, rund 120 Meisterwerke, der etwa 3000 Stücke umfassenden Sammlung seit heute interimistisch im ersten Geschoß des Alten Museums zu sehen.Derweil haben die Bauarbeiter das vis-à-vis auf der Museumsinsel gelegene Stammhaus übernommen, um es bis 2001 auf den neusten Stand von Klimatechnik und Sicherheit zu bringen.

Mag man den im Februar mit gleich mehreren Museumsnächten verabschiedeten Altbau auch missen, den ebenfalls heimatlos gewordenen Kuratoren gilt die nun vorgeführte Zwischenlösung als beste, denn schließlich haben sie im Alten Museum "das schönste und beziehungsreichste Ausweichquartier" gefunden, das sie sich wünschen konnten: von Schinkel für die Antikensammlung im ersten sowie die Gemäldegalerie im zweiten Geschoß ursprünglich konzipiert und 1830 als Herzstück der Museumsinsel vollendet.Während das Antikenmuseum in den unteren Räumen endgültig wieder angesiedelt ist, erinnern die Meisterwerke der Alten Nationalgalerie zumindest vorübergehend an die einstige Konstellation, wenn auch nicht mit Werken alter Kunst, sondern des 19.Jahrhunderts.

In diesen Werken wird deutlich, wie sehr sich die Menschen damals in eine idealisierte Vergangenheit, die Antike, zurücksehnten, um einer unwirtlichen Gegenwart zu entfliehen.Die Maler, Bildhauer, Archäologen wollten das Land der Griechen nicht nur mit der Seele suchen, sie glaubten es auch gefunden in ihren gemalten Visionen des damaligen Lebens, ihren antikisierenden Skulpturen und den von Grabungen mitgebrachten Stücken.Der Betende Knabe aus Rhodos (300 v.Chr.), geradewegs in der Hauptachse für den durch die Rotunde kommenden Besucher gelegen, hat räumlich exakt darüber seine Erwiderung in Schadows Doppelstandbild der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen gefunden, die einander in ihren klassizistischen Gewändern zärtlich in den Armen halten.

Gerade dieser Mittelsaal, von dem aus sich symmetrisch die linke Raumfolge der romantisierenden, biedermeierlichen ersten Jahrhunderthälfte widmet, die rechte mit Menzel, Liebermann, den Impressionisten hingegen die Wirklichkeit zum Greifen nahe bringt, gehört zu den aufregendsten Neuformierungen.Den Skulpturen des Klassizismus sind nämlich die bislang fest im Gemäuer der Alten Nationalgalerie verankerten Fresken der Casa Bartholdy gegenübergestellt.Um diese hochempfindlichen Inkunabeln der Nazarener nicht den Erschütterungen des Umbaus auszusetzen, wurden sie in einem langwierigen Prozeß freigelegt und sind nun mit ihrer zentimeterdicken Holzeinschalung, in der sie aus Rom nach Berlin transferiert wurden, als eigene Körper vor der Wand wahrnehmbar.Diese freistehende Präsentation, so eine erste Erkenntnis aus dem gastweisen Aufenthalt im Alten Museum, soll auch für das Stammhaus übernommen werden.

Ob auch die mutig gewählten Wandfarben in Ochsenblutrot, Tiefviolett, strahlendem Hellblau oder kühlem Grau in der geplanten Stoffbespannung der Alten Nationalgalerie ihren Niederschlag finden, ist bislang noch nicht entschieden.Doch wie schon bei der Gemäldegalerie erweist sich kräftige Wandfarbe als ungeheuer stimulierend für die Kunst: Der weiße Marmor von Rodins "Der Mensch und sein Gedanke" erscheint vor rotem Grund noch pathetischer, die Farben von Feuerbachs "Gastmahl" beginnen im Zweiklang mit einem intensiven Violett ganz neu zu strahlen.Der Umzug dieses knapp acht Meter großen Monumentalwerks war nach den Casa-Bartholdy-Fresken das zweite große Abenteuer des Bilder-Verschiebebahnhofs, denn es sollte nicht wie früher üblich dem Rahmen entnommen und eingerollt, sondern unverändert transportiert werden: eine 40-Stunden-Aktion mit Riesenkiste, Kran und waghalsigen Hebemanövern durch ein Fenster des Alten Museums.

Mag der Umzug für die Bilder riskant, so manche Zusammenstellung durch die Übergangsbleibe gewagt sein, diese Interimslösung erlaubt einen knappen, frischen Blick auf das Beste, was die Alte Nationalgalerie zu bieten hat.Nie war Menzel als Maler so konzise und eindrücklich zu sehen: genau vier Wände für die vier Positionen seines Schaffens mit dem "Flötenkonzert", der "Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generäle", dem "Eisenwalzwerk" und den sehr persönlichen, den Impressionismus ankündigenden Beobachtungen seiner unmittelbaren Umgebung.

Die Räume und damit die Themenwelt des 19.Jahrhunderts gelangen zu einer Klarheit, die den Besuch der Sammlung nicht zur antiquierten Rückschau, sondern erfrischenden Erkenntnis über eine andere Zeit werden läßt.Der Bogen spannt sich von den Porträts der Goethezeit, die noch ihre ganze selbstgewisse Bürgerlichkeit ausstrahlen, bis zu den Bildnissen eines Beckmann, in denen diese einheitliche Welt ins Wanken gerät und schließlich bei Slevoigts geblendetem "Simson" endgültig hilflos wird.Den Ausgang ins 20.Jahrhundert und damit zur Neuen Nationalgalerie gibt eine Kniende Brunnenfigur von George Minne frei, den Blick nach innen gerichtet, die Arme um den eigenen Körper geschlungen, den Selbstzweifeln ausgeliefert.

Zumindest für den Betrachter mischen sich darin Zweifel, wie lange diese neuerliche Zwischenlösung dauern wird: Hatte es ursprünglich bis 2001 geheißen, so steht der Schau nun im August 1999 der Rausschmiß bevor, da Teile der Jahrhundert-Ausstellung in den dortigen Räumen eingerichtet werden.Bis zur Wiedereröffnung des Stammhauses soll dann die Sammlung auf Reisen geschickt werden.Ein Abschied auf Raten also vom 19.Jahrhundert, auf daß es um so vollständiger im 21.wiederkehre.

Alte Nationalgalerie im Alten Museum, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr.

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