Kultur : Zwitsch oder so

Morgens dämmert es einigen im Haliflor: Das wird schon wieder nichts mit dem Tag. Eine Erzählung

Jakob Dobers

Hallo, Haliflor, ich hätte gerne ein Zwitsch oder wie das heißt.

Das ist die Geschichte von Tim oder Tom, der so lange an der Bar saß, bis die Stühle um ihn herum auf dem Kopf standen. Auf dem Weg nach Hause stellte er fest, dass es dort bestimmt nicht gut sein würde, und so drehte er auf halber Strecke noch mal um. Die ganze Zeit gingen ihm die Worte „kleines Kopfsteinpflaster mit Glasur“ nicht aus dem Sinn. Sie waren ihm beim Betrachten der Tresenoberfläche eingefallen, und er hätte sie gerne als eine Art Witz an die Bedienung weitergegeben. Das war ihm aber dann zu kompliziert vorgekommen, und er hatte Angst gehabt, alles erklären zu müssen, darum ließ er es lieber bleiben.

Natürlich war das Haliflor schon zu, als er wieder davorstand. Jetzt wusste er gar nicht mehr weiter. Er sah sein Spiegelbild schemenhaft in den großen Fenstern und sein Leben schemenhaft in sich selbst. Da wurde er wütend und schrieb einen imaginären Brief an sein Studienfach, dass er es nicht mehr haben wolle, und einen weiteren an seine Eltern, dass sie ihn zu etwas Langweiligem gemacht hätten. Dann holte er sich an einem Imbiss ein Dosenbier und ging nach links den Weinbergsweg runter.

In einer anderen Geschichte sitzen zwei Frauen, wenn man reinkommt, rechts neben der Tür und sprechen über einen Christian. „Er ist ja eigentlich total süß, aber gestern hat er auch wieder den ganzen Abend nur geredet, und das war so komisch, weil Susanne auch da war“, sagt die eine Frau, nippt an ihrem Rotwein und sieht die zweite erwartungsvoll an. „Na ja, vielleicht gerade deswegen“, entgegnet diese, „ich kann mir schon vorstellen, dass Christian da unsicher ist …“ Sie schaut sich suchend nach der Bedienung um und hebt mit halber Kraft den Arm, so als wollte sie noch was bestellen. Frau eins, die eigentlich Sonja heißt, ist etwas genervt von dieser Geste und guckt schnell auf ihrem Handy nach, wer ihr was geschrieben hat. „Hab dich vorhin auf dem Fahrrad gesehen, Gruß Kai“, steht da und irritiert sie jetzt einfach nur. Die zweite Frau, die eigentlich Ina heißt, sieht sich immer noch um, und Sonja findet in diesem Augenblick, dass sie sehr komische Freunde hat und andere Leute bestimmt glücklicher sind als sie.

In einer dritten, ziemlich einfachen Geschichte küssen sich Ellen und Max die ganze Zeit. Wenn sie sich doch mal kurz nicht küssen, erscheint ihnen alles toll und wie für sie gemacht. Der Zweiertisch links hinten in der Ecke wurde vom Schicksal exakt so platziert, die erdfarbenen Wände wurden passend zu ihren Jeans gestrichen und die Musik erzählt, wie es sich für echte Popmusik gehört, sowieso alles, was sie hören wollen. Auch die missmutigen Blicke der anderen Gäste sind in Ordnung, weil sie ihr eigenes Leuchten noch verstärken. Jetzt küssen sie sich wieder, und mehr gibt’s da auch nicht zu erzählen.

Auf einmal ist es Sommer und die untere Fensterhälfte ist mithilfe einer Art Flaschenzug nach oben gezogen worden. Jetzt kann man drinnen sein und ist trotzdem draußen mit dabei. So was geht im Haliflor. Marius sitzt sozusagen im Fensterrahmen und liest einen viktorianischen Roman. Mädchen in weißen Kleidern laufen über grüne englische Wiesen vor ehrwürdigen Landhäusern herum. Es geht um Tuscheleien am Brunnen. Die Köchin gibt nicht alles preis, was sie hört und sieht, und Eireens Mutter steht oft am Fenster im ersten Stock und schaut hinaus in den Regen. Wann wird ihr Ältester, James, zurückkehren? Marius klappt das Buch zu, weil es nicht zum Wetter passt, und guckt zur Theke. Heute scheinen sich hier mal wieder alle zu kennen, denkt er. Dauernd kommt jemand rein und begrüßt wen. Der Einzige, den er kennt, sitzt an einem der Tische im Freien und glücklicherweise mit dem Rücken zu ihm. Er war mal irgendwas in so einem New-EconomyDings. Damals, als es die noch überall gab. Marius war da auch mal irgendwas, aber nicht so richtig. Darauf war er immer ein bisschen stolz gewesen. Er hatte den Typen seinerzeit blöd gefunden und war auch jetzt schon wieder genervt von der Art, wie er auf die Frau ihm gegenüber eingestikulierte. Die sah nämlich eigentlich sehr nett aus und hatte folglich zwischen diesen Gesten nichts verloren. Natürlich stand der Typ jetzt auf, um auf die Toilette zu gehen, und natürlich musste er an Marius vorbei und klar entdeckte er ihn gleich. Wir überspringen das folgende Gestammel und erzählen nur noch, dass es Marius gelang, der Frau am Rücken des Typen vorbei so zuzulächeln, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als zurückzulächeln. Damit verschwand der Rücken aus der Geschichte, und Marius nahm sein Buch wieder auf und las, wie Eireens Mutter hinunter in die Küche ging, um alles für das Abendessen zu besprechen.

In einer kurzen Geschichte sitzen vier Dänen in der Ecke und sehen aus wie eine Band. Jede Viertelstunde kommt jemand und fragt: „Habt ihr auch Zigaretten?“ Die gängige Antwort lautet: „Ja, links oben.“

Tim oder Tom taucht mal wieder auf, um sein neues Leben vorzuführen. Er bestellt einen Wodka und erzählt der Bedienung von Dingen, die in der Luft liegen. Er hat sich ein neues buntes Hemd gekauft und kann gar nicht mehr aufhören. Draußen wird es schon wieder hell und die Bedienung sieht müde aus. Im Hintergrund läuft das großartige Lied „Take A Dance With Me“ von St. Thomas. Tim oder Tom kriegt davon nichts mit, weil er endlich den Witz mit dem Kopfsteinpflaster macht. In dem Moment geht die Spülmaschine an und verschluckt sein eigenes Lachen. Die Bedienung will gerade die Stühle hochstellen, da fliegt die Tür auf und ein Schwung lautstarker Menschen fällt herein. Sie rufen ihren Namen und die Namen von Getränken. Sie sind freundlich und betrunken, und die Stühle bleiben unten. Tim oder Tom erzählt weiter, und die anderen hüpfen herum. Draußen ziehen Leute rote Zeitungswagen hinter sich her. Hallo, Haliflor, sagt der neue Morgen, wo soll denn das bitte schön schon wieder enden. Und irgendwann gehen alle hoffentlich schlafen, sage ich.

Dieser Text erscheint neben 53 weiteren im „Berliner Kneipenbuch“, hrsg. v. Tom Kuhligk und Tom Schulz, Berliner Taschenbuchverlag, 287 Seiten, 9,95 €. Es wird heute bei Dussmann (18 Uhr) sowie am 10. November in der Ankerklause (Kottbusser Damm 104, Kreuzberg, 21 Uhr) vorgestellt.

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