Kultur : Zwölftonglück

Nikolaj Znaider begeistert bei der Staatskapelle Berlin

Volker Hagedorn

Bis heute kann man die großen Geiger locker an einer Hand abzählen, die sich an dieses Stück wagten. Wer Arnold Schönbergs Violinkonzert spielen will, muss für die Vorbereitung eher Jahre als Monate einplanen. Das Werk ist extrem schwer, es gilt als „sperrig“ (dieses Attribut ist die gelbe Karte vor der roten mit dem Wort „undankbar“), es hat im Musikbetrieb kaum eine Chance neben dem ein Jahr zuvor entstandenen Violinkonzert von Schönbergs Schüler Alban Berg. Was jetzt in der Philharmonie zu erleben war, kommt darum einem Durchbruch gleich. Der Geiger Nikolaj Znaider und die Staatskapelle Berlin, von Daniel Barenboim geleitet, führen in einen leuchtenden Kosmos, in eine der schönsten Partituren des 20. Jahrhunderts.

Schönberg, der sich als Exildeutscher in Los Angeles wie „ins Paradies vertrieben“ fühlte, verbindet 1936 im pazifischen Licht Konstruktion und Ausdruck, Visionen, Gedanken so glücklich wie nie seit seiner Erfindung des Komponierens mit zwölf Tönen. „Bunt, lieber Freund, ist alle Theorie“, so klingt das, nicht grau. Wie hier Phantasie verdichtet wird bei nie nachlassender Klarheit, wie sich unablässig Zusammenhänge bilden – das muss man allerdings spielen können.

Znaider ist phänomenal. Auf eigentümliche Weise verbindet sich in ihm die Tradition russischer Kraftgeiger, die Stücke an sich reißen, mit feinsinnigem Geist, der sich ins Stück reißen lässt. Schönbergs Abstraktionen werden nicht überspielt, sie leben, seine Zitate trivialer Genres (Märsche, Tänze, Terzenschluchzer) behalten ihren Scharfsinn. Und was vor einem Jahr Daniel Barenboims Mahler auszeichnete – die präzise Emphase, die Sinnlichkeit des Denkens –, findet man hier wieder. Auch als Auseinandersetzung mit der traditionellen Orchesterbesetzung ist das Stück bahnbrechend.

Nach diesem Triumph ist zu verzeihen, was sonst bitter enttäuscht hätte – nämlich dass Daniel Barenboim die Neunte Sinfonie von Anton Bruckner grotesk unterschätzt. Pauschaler, eindimensionaler war dieses Abschiedswerk selten zu hören. Weder das Abenteuer noch die Abstraktion interessieren den Dirigenten. Das Scherzo, eigentlich martialische Vernichtung eines Scherzos, ein Vorblick ins 20. Jahrhundert, leitet er wie ein ländliches Tanzvergnügen, und aus dem ungeheuerlichen Adagio-Anfang wird ein pausbäckiger Soundtrack. Kein Wunder, dass vieles unpräzise klingt. Naja. Wahrscheinlich wurde einfach mehr für Arnold als für Anton geprobt. Bruckner steckt das weg. Und Schönberg hat es mehr als verdient. Volker Hagedorn

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