Kultur : Zyklop des Westens

„Wer regiert die Welt?“: Der Historiker Ian Morris liest die Zukunft aus der Geschichte

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Es ist zu vermuten, „dass die nächsten 40 Jahre die bedeutsamsten der Weltgeschichte sein werden“. Diese Vorhersage trifft der an der amerikanischen Stanford University lehrende britische Historiker Ian Morris am Ende seines Buches „Why the West rules“. Wie kommt Morris vom Titel seines Buches, das auf Deutsch „Wer regiert die Welt?“ heißt, zu dieser Prognose? Indem er in Zyklopenschritten 15000 Jahre Menschheitsgeschichte durchschreitet, immer den Einfluss der Geografie auf die gesellschaftliche Entwicklung im Blick – einem perspektivisch verengten Blick womöglich, denn Zyklopen sind einäugig.

Gewöhnlich halten sich Geschichtsschreiber mit Prophezeiungen zurück. Sie wissen aus Erfahrung, dass auch der schärfste Blick in die Vergangenheit nicht vorhersehen kann, wie es in Zukunft weitergeht. Oder ob es überhaupt weitergeht, denn das ist für Morris keineswegs ausgemacht. Auch er will nicht Prophet spielen (höchstens ein kleines bisschen), sondern mit seiner tour de force durch die Menschheitsgeschichte unseren Möglichkeitssinn schärfen: Entweder erwartet uns ein Entwicklungsschub, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, oder eine „Weltendämmerung“; entweder Selbsterfindung der Menschheit oder Selbstzerstörung; entweder euphorischer Aufbruch oder apokalyptischer Zusammenbruch.

Trotz dieses doppelten Paukenschlags zum Schluss gehört dieses Buch wider die eigene Absicht zu jenen, bei denen der Weg das Ziel ist. Die Darstellung der Geschichte von Staaten und Imperien nach dem guten alten historiografischen Masterplan von Aufstieg und Zerfall ist lehrreich auf faszinierende Weise und gut geschrieben, von nervtötendem Professorengewitzel zwischendurch abgesehen. Das Ergebnis der großen und großartigen Darstellung fällt jedoch bescheiden aus. Kreißt da ein Papierberg und gebiert am Ende eine Maus? Vielleicht sollen die Paukenschläge der Schlussalternative das Piepsen übertönen.

Warum also, um auf die Titelfrage zurückzukommen, regiert der Westen seit rund 200 Jahren die Welt? Weil Amerika von Europa nicht so weit weg war wie von China. Diese sehr kurze Zusammenfassung seiner Antwort würde Morris, vermutlich mit Humor, als Karikatur seiner Ansichten nehmen. Und das ist sie auch. Allerdings verzerren Karikaturen nur, sie machen das Karikierte nicht unkenntlich.

Die geografische Lage der Kontinente und die durch sie vorgegebene globale Positionierung der Staaten und Reiche zueinander ist für den Historiogeografen Ian Morris tatsächlich der Hauptgrund für die Dominanz des Westens. Mit dem Beginn der atlantischen Globalisierung vor 500 Jahren wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, dass „der Westen“, korrekt ausgedrückt: der Nordwesten Europas durch die Industrialisierung den viele Jahrhunderte höher entwickelten „Osten“, den Morris mit China identifiziert, überholen konnte. Und zwar, ohne ihn einzuholen.

Dieser Vorgang, marxistische Geschichtstheoretiker würden von einem „dialektischen Sprung“ sprechen, hatte mit dem zu tun, was Morris die Vorteile der Rückständigkeit nennt. Wenn sich Bedingungen ändern, zum Beispiel die klimatischen, kann eine Gesellschaft, die sich nicht erst von entwickelten Institutionen befreien muss, unter Umständen schneller reagieren als eine komplexer organisierte Gesellschaft.

Den Grad der Entwicklung misst Morris mit einem aus vier Merkmalen zusammengesetzten Index: Energiegewinnung, Urbanisierung, Nachrichtenübermittlung und Kriegsführung. Über solche Cluster lässt sich immer streiten, problematischer ist aber das Urvertrauen in statistische Daten, die zu einem Drittel geschätzt, zu einem Drittel erraten und nur zum letzten Drittel errechnet sind. Die Kurven, die sich nach diesen Daten zeichnen lassen, beweisen entsprechend wenig.

Max Weber, einer der Gründungsklassiker der Soziologie, hat die Frage aufgeworfen: Warum hat sich der wissenschaftliche, technische und ökonomische Rationalismus ausgerechnet im Abendland entwickelt? Er hat diese Frage in seinen aus Aufsätzen zusammengesetzten Werk über die „protestantische Ethik“ und den „Geist des Kapitalismus“ – nicht beantwortet, jedenfalls nicht im Sinne einer kausalen Erklärung. Das Thema von Morris mag anders gelagert sein als die Frage Webers. Trotzdem ist die beiden gemeinsame Schnittmenge des Interesses so groß, dass die vollständige theoretische Abwesenheit Webers irritiert: Ian Morris erwähnt ihn nur einmal – so oft wie John Wayne.

Ian Morris: Wer

regiert die Welt?

Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden. Aus d. Englischen v. Klaus Binder u.a. Campus, Frankfurt a.M. 2011. 656 Seiten, 24,90 €.

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