Kunst-Bakterium gebaut : Craig Venter will die Welt retten

Krankheiten, Umweltverpestung, abschmelzende Gletscher? Alles Schnee von gestern, sagt der Wissenschaftler Craig Venter. Und propagiert das erste künstlich hergestellte Erbgut eines Bakteriums, das ein Allheilmittel werden soll. Sein Gen-Code soll alles Übel beseitigen - mit vorzüglichen Eigenschaften aus der Retorte.

Liva Haensel
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"Künstliches Lebewesen erschaffen": Molekularbiologe Craig Venter provoziert gerne. -Foto: dpa

Der Amerikaner ist ein Genom-Spezialist, der auch gerne als der "Herr der Gene" bezeichnet wird. Venter gründete das J.-Craig-Venter-Institut in Rockville im Bundestaat Maryland und experimentiert seit Jahren mit künstlich gewonnenen Chromosomen. Jetzt haben Wissenschaftler seines Instituts im angesehenen Magazin "Science" dem Ganzen die goldene Krone aufgesetzt: Es sei ihnen gelungen, das komplette Erbgut eines Bakteriums nachzubauen, so schreiben die Autoren und Medizin-Preisträger Hamilton Smith. Das so genannte Genom enthält alle Erb-Informationen eines Lebewesens. Und diese können - unter gewissen Umständen - verändert werden. Schon im Oktober vergangenen Jahres hatte der Molekularbiologe in Aussicht gestellt, "das erste künstliche Lebewesen" in seinem Labor zu erschaffen. 

Historischer Durchbruch oder Unsinn?

Doch worin liegen die Möglichkeiten für die Zukunft? Venter hat mit seinem Forscherteam das erste künstliche Chromosom, bestehend aus 381 Genen und 580.000 Basenpaaren, entwickelt. Im nächsten Schritt will er dieses Material auch in andere Lebewesen einpflanzen. Diese Vision kennt man aus Science-Fiction-Filmen: Erbgut wird in ein anderes Wesen eingesetzt, das fortan neue Eigenschaften entwickelt. Venter ist begeistert von diesem "historischen Durchbruch", denn daraus lässt sich viel machen: CO2-fressende Bakterien, grenzenlos nachwachsende Rohstoffe, Vernichtung von üblen Krankheiten.

Nach seinem Plan soll die synthetische Variante auf nützliche Eigenschaften programmiert werden. Doch andere Forscher sind weniger euphorisch: So leicht sei die Sache nicht. Schließlich sei das Genom bisher nur im Labor in einer Hefezelle isoliert worden. Ob es tatsächlich geeignet sei für einen Transport in einen anderen Wirt, ist fraglich.

Beim Kunstbakterium sei außerdem unklar, ob es größere Eingriffe an seinem Erbgut überstehen würde. Molekularbiologe Eckard Wimmer von der New York University meint, dass nach der Herstellung eines künstlichen Genoms die Wissenschaftler eigentlich auch gleich künstliches Leben hätten schaffen können. Dass dies nicht passiert sei, würde bedeuten, dass das hergestellte Genom nicht lebensfähig sei. Helen Wallace von der Organisation GeneWatch in Großbritannien meint: "Venter ist nicht Gott... Er ist weit davon entfernt, Leben zu erschaffen."

Sicherheitsrisiken durch biologische Waffen

Venter selbst lässt sich davon nicht abschrecken. Er selbst ließ als bisher einziger Mensch sein Genmaterial komplett entschlüsseln und dokumentieren. Er glaubt an den technologischen Fortschritt und sein gen-zentrisches Weltbild. Wenn man genetische Informationen erst habe, könne man sie sogar an andere Adressaten mailen. Doch neben den ethischen Fragen, die sich bei wissenschaftlichen Experimenten mit menschlichem Leben stellen, fürchten Kritiker Venters vor allem Sicherheitsrisiken - denn mit dem gentechnischen Handwerkszeug lassen sich nicht nur friedliche kleine Käfer herstellen. Auch neue biochemische Waffenformen seien möglich.