Der Tagesspiegel : Kunst der Schlange

Das New Yorker Museum of Modern Art ist sieben Monate in Berlin – 1,2 Millionen Menschen kommen

Bernhard Schulz

Spätere Generationen werden klären, ob es sich bei „der“ Schlange um ein unabwendbares Ereignis gehandelt hat oder um einen cleveren Marketingtrick. „Die“ Schlange – das war die Warteschlange der Besucher, die sich tagtäglich vor den Türen der Neuen Nationalgalerie aufreihte, die immer mehr anwuchs und sich schließlich um das ganze Gebäude wand, ohne in ihrem Umfang abzunehmen – es sei denn spät am Abend, wenn auch den Unermüdlichsten klar wurde, dass die hinten Stehenden keine Chance mehr auf Einlass haben würden.

Die Schlange gehörte einfach zur Ausstellung „Das MoMA in Berlin“ dazu. Sieben Monate, vom 19. Februar bis zum 19. September, waren 200 Meisterwerke aus der legendären Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art in Berlin zu sehen – und ehe über die Kunstwerke geredet wurde, war die Schlange das Tagesgespräch der Stadt. Aus dem Tagesgespräch wurde ein Dauerthema; immer neue Einzelgeschichten und -schicksale wurden kolportiert, bis hin zu jenen unermüdlichen Kunstfreunden, die sich abends mit Schlafsack und Thermoskanne auf dem kalten Steinboden vor der Neuen Nationalgalerie niederließen, um anderentags als Erste eingelassen zu werden.

Rund 1,2 Millionen Besucher wurden am Ende gezählt. Dieser Rekord dürfte in Berlin kaum mehr überboten werden; ebenso wenig wie der finanzielle Erfolg von 6,5 Millionen Euro Überschuss. Der veranstaltende Verein der Freunde der Nationalgalerie, der das Risiko geschultert hat, unterstreicht damit eindrucksvoll die besondere Rolle, die er seit 27 Jahren für die Nationalgalerie spielt.

Mit der Besucherschlange und dem enormen Medienecho, das sie auslöste, hat sich das MoMA-Gastspiel tief ins öffentliche Bewusstsein eingeprägt. Gewiss bergen die Meisterwerke der Moderne – vom späten 19. Jahrhundert bis fast in unsere Gegenwart – heutzutage kein Konfliktpotenzial mehr. Zumal van Gogh, Monet oder Picasso zählen zu den festen Größen des Ausstellungsbetriebs, auf deren Anziehungskraft jedes Museum blind vertrauen kann. Doch die temporäre Verpflanzung eines ganzen Museums, mag es auch das weltweit berühmteste der modernen Kunst sein, barg zumindest das Risiko, dass sich das anfängliche Interesse nach einigen Wochen verläuft. Das Gegenteil trat ein. Wer sich anfangs nicht in die Warteschlange einreihen mochte, war – wie sich herausstellte – schlecht beraten: Sie wurde im Laufe der Monate nur immer noch länger.

Die Kunst der Moderne wurde so zum ständigen Begleiter des Berliner Alltags. Die New Yorker Meisterwerke gewannen in Berlin zahllose neue Freunde – denn die Mehrzahl der Besucher hatte bis dahin nicht die Möglichkeit gehabt, das MoMA an seinem New Yorker Stamnmsitz zu besichtigen.

Etwa 70 Prozent der Gäste, mithin 840 000, kamen von auswärts – und verbanden den Besuch der Ausstellung mit einem Besuch der Stadt. Ein besseres Aushängeschild konnte sich Berlin gar nicht wünschen. Und nicht ein einziger Besucher, der drei, vier oder am Ende bis zu zehn Stunden hatte warten müssen, äußerte sich enttäuscht von der Kunst. Auch das eine Art Rekord – einer, der nachwirken wird bei allen, die das einmalige, unwiederholbare Gastspiel genossen haben.

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