KUNST Stücke : Macht süchtig

Kaspar heinrich

Die Galerie Raab ist lange weg, doch die Potsdamer Straße belebt sich immer weiter mit Galeristen. Im Frühjahr hat hier die OCA Gallery (Potsdamer Straße 53-55, bis 3. November) Räume in der Ladenzeile eines schmucklosen Wohnhauses kurz vor dem Landwehrkanal bezogen. Zeitgenössische deutsche Kunst, wenn möglich mit Bezug zum Freistaat Thüringen – das ist die Maxime, nach der Galerist Reinhard Franz ausstellt. „In Thüringen wird wenig für die Gegenwartskunst getan“, sagt Franz, der eine Professur für Experimentelle Fernsehkunst an der Bauhaus-Universität in Weimar innehat. Dort würden mit hohem Aufwand Künstler ausgebildet, die dann aber ohne Perspektive blieben. Das will die Galerie ändern. Nicht mit einer „Nabelschau“ im Freistaat selbst, sondern mit einer Verkaufsgalerie in Berlin, wo es das Publikum und die Käufer gebe. „Gefördert, aber nicht finanziert“ sei das Projekt mit einer fünfstelligen Summe durch die Abteilung Kreativwirtschaft des thüringischen Wirtschaftsministeriums. Ausgerechnet die Videokunst langweilt den Galeristen, er glaubt an die Renaissance von Tafelbild und Skulptur. Auf diese Ausdrucksformen setzt auch die Bauhaus-Absolventin Nadine Wottke, deren Arbeiten aktuell zu sehen sind. Sie schafft Plastiken aus Porzellan, die dem gängigen Bild der zierlichen weißen Figürchen entgegenstreben: nackte Frauen mit großen Brüsten und Boxhandschuhen aus Latex, Menschen in Tierkostümen und sado-masochistischen Stellungen. Nichts für die Vitrine mit dem „Weißen Gold“ aus Kahla. Auch eine Serie von Fotos, entstanden in Passbildautomaten, zeigt explizit Sexuelles: Die Künstlerin mit einem aus Mohrrüben geschnitzten Penis und als Gummipuppe verkleidet.

Noch jünger als OCA ist die LSD Galerie (Potsdamer Straße 65, bis 20. Oktober). Sie eröffnete vor drei Wochen pünktlich zur Berlin Art Week. Jung ist die Galerie, erfahren sind ihre Betreiber: Fünf Künstler, drei von ihnen um die vierzig, zwei etwas jünger. Jeder bringt Kontakte mit, so soll sich das Risiko des Projekts minimieren. „Wir verstehen uns als Firma – und stellen quasi zufällig auch selbst hier aus“, erklärt Peter Freitag. Es gehe um mehr Selbstbestimmung und darum, nicht nur dem Galeristen, sondern auch den Künstlern den Lebensunterhalt zu sichern. Die Auftaktausstellung „Lucy in the Sky with Diamonds“ zeigt Arbeiten aller fünf Produzenten. Danach präsentiert sich jeder einzeln, und zweimal im Jahr – zu Kunstherbst und Gallery Weekend – soll es Gruppenausstellungen geben. Geplant sind außerdem Kooperationen mit internationalen Galerien. Peter Freitags Thema ist der schöne Schein der Popkultur. Mit Farbe, Aceton und dem Skalpell verfremdet er Magazinseiten und Werbeplakate. Auch Melissa Steckbauer arbeitet mit dem Mittel des Papierschnitts. Sie legt damit Muster über Fotografien und verleiht den Originalen eine neue Dimension. Sabine Dehnels Werke spielen mit den Grenzen zwischen Malerei und Fotografie. Indem sie bemalte Körper fotografiert, irritiert sie Sehgewohnheiten und hebt die scharfe Trennlinie zwischen den Gattungen auf. Auch die Arbeiten von Viola Kamp und Anna Lehman-Brauns wollen das Bewusstsein erweitern. LSD Galerie: Wie die Droge soll die gezeigte Kunst wirken. Eine eigene Welt mit ein bisschen Größenwahn – und Arbeiten mit Suchtpotenzial.

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