KUNST Stücke : Taufrisch

Thea Herold

Blumen sind fotogen, Blüten an sich schon Kunstwerke der Natur. Und erst die Sträuße! Blumen in allen Farben waren seit jeher die Stars aller Stillleben. Doch so wie Luzia Simons Tulpen als Scanogramme in der Alexander Ochs Galerie (Besselstraße 14, bis 17. März) in Szene setzt, das ist jedes Mal wieder neu und wortwörtlich taufrisch.

Brutal einfach scheint die von Simons dafür perfektionierte Methode: Die Tulpen werden ohne Umweg über die Fotokamera gescannt. Professionell bearbeitete Tableaus aus Blüten und Blättern strahlen danach in wechselnden Farben vor dunkel samtigem Hintergrund. Es geht von Weiß bis Schwarzviolett, quer durchs Rot in allen Schattierungen, über Orange bis zum geflammten Gelb. Flächen bekommen Tiefe. Die metaphorische Aufladung der Tulpe als Symbol für Eroberung, Erfolg oder Eros ist immens. Die Jahrhunderte alte Geschichte dieser Blume – als Importschlager aus dem Orient, exotische Gartenpretiose und vor allem als legendäres Spekulationsobjekt im 17. Jahrhundert -, das alles sickert nach und nach mit in den Bildraum. Neu sind die weißen Barrieren aus zerbrochenem KPM-Porzellan, die wie Grenzlinien flach am Boden installiert wurden. Sie verweisen auf die Irrationalität von Handel und Markt und assoziieren zerbrochene Träume vom großen Gewinn. Auch sorgen sie für den richtigen Abstand zur Wand. Erst aus der rechten Distanz wird deutlich, dass die Tulpen-Tableaus immer malerischer werden. Obwohl die Hand der Künstlerin dafür gar nicht den Pinsel, sondern mit altmeisterlicher Akkuratesse eine Computermaus führt.

Ganz anders nutzt die Konzeptkünstlerin Kexin Zang ihre Kameras und Mikrophone im Salon der Galerie – eher dokumentarisch und im besten Sinn konventionell. Sie ging auf Recherche, suchte nach Antwort auf eine der großen Lebensfragen, die man sich überall stellt. Wie bleibe ich gesund – wie lebe ich glücklich? Davon berichtet sie jetzt in ihrer Serie „Go Weast“ mit Porträts und Videos aus Beijing. Für die ebenso sachliche wie emotional fesselnde Dokumentation begleitete sie Menschen im Alter von 50+. Sie traf Männer und Frauen bei morgendlichen Atemübungen im Park, beim Tanzen oder Schwimmen, beim Singen unter freiem Himmel und Tai Chi. Die sparsamen Fragen der Künstlerin aus dem Off könnten auch unsere Überlegungen sein: Warum geht man im Winter schwimmen? Wieso ist das Singen für die Seele gut und noch mehr für das Gedächtnis? Wie hat sich ein einstiger Raketentechniker seine Krankheiten weggewandert?

Kexin Zang stellt offene Fragen und hört für uns hin. Sie summiert am Ende die O-Töne mit dem Bild, mischt Lokalkolorit und universale Lebensweisheit. Es gibt Untertitel zum besseren Verständnis. Doch um die Mimik in den Gesichtern zu verstehen und um die Körpersprache der Menschen zu erkennen, dafür brauchen wir den Dolmetscher nicht.