Kunstmessen Art- und Independent Brussels : Spitzenware

Avantgarde überall: Zwei Messen machen Brüssel zum europäischen Zentrum für Gegenwartskunst.

Eva Karcher

Der Künstler sitzt auf einer Bank vor seinen Bildern. Er male die „Comédie Urbaine“, sagt Bernhard Martin am Stand seines Galeristen Thomas Schulte, der ihm auf der Art Brussels eine Einzelausstellung widmet. In traumwandlerisch surrealen Farblandschaften schweben Roboterwesen in selbst geschaffenen Sinnabgründen, so in „Environment for Spiritual Vacuum (Yes Men)“; posthumane Gefangene einer postapokalyptischen Gegenwart. Dass die menschliche Komödie wie eine hauchdünne Maske stets ein tragischen Antlitz verbirgt, hat gerade die in den letzten Jahren von islamistischen Anschlägen terrorisierte belgische Hauptstadt erfahren müssen.

Die Auswirkungen sind in den Sicherheitskontrollen vor allem am Flughafen zu spüren und den abgesperrten Straßen ins Zentrum, die den Verkehr nahezu dauerhaft lahmlegen. Doch weder Galeristen noch Sammler oder Kuratoren lassen sich davon abhalten, die Messen zu besuchen. Ganz im Gegenteil zeigt sich die 34. Art Brussels an ihrem neuen Standort Tour & Taxis, einem ehemaligen Zolllager in glasüberdachter Industriearchitektur, wie rundum erneuert – auch inhaltlich. Klar zu erkennen ist die kuratorische Handschrift der künstlerischen Direktorin Katerina Gregos, die die Messe nach vier Jahren verlässt, „um wieder direkt mit Künstlern zu arbeiten“.

Zusammen mit Geschäftsführerin Anne Vierstraete bietet sie den 141 Teilnehmern aus 28 Ländern neben den Sektionen „Prime“ für Händler mit etabliertem Programm und „Discovery“ für Newcomer nun die Nische „Rediscovery“ für Galeristen, die verkannte oder unterschätzte Positionen der Avantgarde des vergangenen Jahrhunderts zeigen. So die Deutsche Isabel Balzer, mit ihrer Galerie balzer projects in Basel beheimatet, die expressiv-dynamische Gemälde und Tapisserien der 1929 geborenen Schweizer Künstlerin Lilly Keller aus den fünfziger und sechziger Jahren präsentiert, einer Freundin von Meret Oppenheim. „Nach wie vor höchst vital“ experimentiere die 87-Jährige, so die Galeristin, mit Techniken und Materialien (Preise: 3000–150 000 Euro).

Der Markt verleibt sich Wiederentdeckungen schneller ein als Neues

Dass der Markt sich Wiederentdeckungen heute begieriger einverleibt als Entdeckungen, sagt viel aus über die zahlreichen Verschiebungen, die unsere gegenwärtige Kultur und Gesellschaft prägen. Selten war das „Neue“ als Wert an sich weniger aufregend, immer drängender ist die Suche nach Werken, deren Ästhetik aus einer genuinen Haltung jenseits von Attitüden der Appropriation heraus entsteht. Für diese Kontinuität von Qualität steht Europa und insbesondere Belgien, das Land „mit der größten Sammlerdichte seit Generationen“, wie es Thomas Krinzinger beschreibt, der mit seiner Mutter Ursula zwölf Messen pro Jahr absolviert und der Art Brussels in diesem Reigen „einen sehr hohen Stellenwert“ einräumt. Bodenständig seien die Sammler hier, sie zahlen im Durchschnitt Preise zwischen 8000 und 80 000 Euro, halten den Markt stabil und bleiben gleichzeitig offen für junge Tendenzen. Außerdem sei Brüssel günstig für Künstler, die Ateliers suchen, „sogar günstiger als Berlin“.

Tatsache ist jedenfalls, dass mit der Art Brussels zum ersten Mal auch die Independent Brussels erfolgreich auf fünf Etagen im zentralen Vanderborght Building gastiert. 2010 in New York von der Galeristin Elizabeth Dee und dem Kurator Darren Flook gegründet, entstand sie als Alternative zu den öden Kojenstrukturen anderer Messen. Die Initiatoren wollten stattdessen Kunst, so Elizabeth Dee, „ausgehend von den Bedürfnissen der Künstler“ präsentieren, im Boutiquenformat und kuratiert wie eine Gruppenausstellung.

Die Besucher wandern die um ein riesiges Atrium gebauten Treppen hinauf und hinab, die Werke der Galerien fließen fast ohne Zwischenwände ineinander und verbinden sich zu einer Art Gesamtkunstwerk, ohne die eigene Präsenz aufzugeben. Das ist inspirierend, auch für die Händler. Als Statement muss man es verstehen, dass die amerikanischen Topgaleristen Zwirner, Gavin Brown und Gladstone sich hier platzieren, während auf der Art Brussels Schwergewichte wie Daniel Templon, der fulminant sein 50-jähriges Jubiläum feiert, Pace und Waddington Custot unter sich bleiben. Bleibt zu erwähnen, dass die rund ein Dutzend aus Berlin nach Brüssel gereisten Galeristen sich jeweils etwa zur Hälfte auf beide Messen verteilen. In Erinnerung bleiben die archäologisch-futuristischen 3-D-Skulpturen des griechischen Künstlers Spiros Hadjidjanos bei Neumeister Bar-Am (Art Brussels) und die intensiven Gemälde der deutsch-türkischen Malerin und Bildhauerin Melike Kara bei Peres Projects (Independent Brussels), die direkt in die Seele tauchen.

Art Brussels, Tour & Taxis, Avenue du Port 86c, bis 24. 4., Independent Brussels, Vanderborght Building, Schildknaapstraat 50, bis 23. 4.

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