Der Tagesspiegel : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Die Macht

der Mayas

Holländische Gesprächsfetzen mischen sich in das Stimmengewirr im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Wird es dem Bandoneonspieler Carel Kraayenhof wieder gelingen, seinen Zuhörern Tränen der Rührung aus den Augen zu pressen – so wie er das 2002 medienwirksam bei der Hochzeit von Prinz Willem und Prinzessin Maxima tat?

Doch bevor er noch die Frage beantworten kann, haben Kristjan Järvi und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin schon den Coup des Abends gelandet. Sie überraschen mit der Suite „La Noche de los mayas“ des noch reichlich unbekannten Mexikaners Silvestre Revueltas (1899– 1940): Die Partitur verleugnet nicht, dass sie ursprünglich als Filmmusik konzipiert war. Aber genau das macht sie authentischer als so manches mit bloßer couleur locale gewürzte Werk lateinamerikansicher Orchestermusik. Statt auf europäische Konzert- oder Sinfonieformen setzt Revueltas auf wirkungsvolle Schnitttechnik. Sein konsequent vom Rhythmus geprägtes Formdenken bricht sich in einem gigantischen finalen Solo der Schlagzeuger Bahn: Von dem elektrisiert tanzenden Järvi angefeuert (der über der brillanten Show zum Glück nie das Dirigieren vergisst) und von schrägen Bläserbrunftschreien angestachelt, dreschen dreizehn befrackte Herren mit einer orgiastischen Enthemmung auf ihre Instrumente ein, die nicht nur jeden körperbemalten alten Maya zum Erblassen gebracht hätte, sondern auch die Teenager im Publikum plättet.

Selbst Astor Piazzollas Bandoneonkonzert muss als Komposition dagegen fast ein wenig akademisch wirken, auch wenn Kraayenhof dem mit großer Subtilität und virtuoser Eleganz entgegenwirkt. Riesenapplaus. Carsten Niemann

KUNST

Das Rauschen

der Dinge

Ja, der Baum macht ein Geräusch, wenn er umfällt und niemand da ist, um es zu hören. Der menschliche Beobachter ist nicht das entscheidende Element, welches das Geschehen erst existent werden lässt. Zumindest macht sich der Besucher solche Überlegungen, der die Klanginstallation „Vice Versa“ des Studios für elektroakustische Musik (Seam) aus Weimar im Großen und im Kleinen Wasserspeicher in Prenzlauer Berg erlebt (Eingang Belforter Str. bzw. Diedenhofer Str., bis 22. 7.). Durch die gesamte Höhe des über dem Großen Speicher aufragenden Turmes ist eine Stahlsaite gespannt, deren Schwingungen – elektronisch bearbeitet und somit erst hörbar gemacht – durch das Gewölbe wabern. Betritt man den Raum, hört man zunächst nur ein monochromes Dröhnen. Doch je näher man dem Zentrum des Labyrinthes kommt, desto mehr Schichtungen schälen sich heraus: ein regelmäßiges Herzschlag-Pochen, Sinustöne und ein an- und abschwellendes tiefes Dröhnen, welches das Hörerlebnis physisch werden lässt. Man erfährt den Klang buchstäblich mit jedem Körperteil. Von Menschen generierte Technik macht dies alles zwar erst hörbar, aber man wird den Eindruck nicht los, dass das hier der Klang der Welt ist, das Rauschen der Dinge.

An menschlichen Parametern gemessen, ist der Klang nicht mehr decodierbar, sondern einfach gegeben, ohne jegliche Aussage, subjektlos. All dies geschieht ungemein friedlich, in sich selbst ruhend und hat zugleich etwas Ergreifendes. Aber sobald man sich den im Kleinen Speicher schwebenden, Klänge erzeugenden Stahlplatten nähert, verursacht dies kratzige Interferenzen, die die Gelassenheit des Sounds zerstören. Der Mensch erscheint hier überflüssig. Dennis Bertrams

KLASSIK

Hintern hoch

bei Händel

Na, ist doch Ehrensache, dass wir zum Halleluja in Händels „Messias“ aufstehen! Außerdem ist es ohnehin angebracht, sich gleich zur Eröffnung der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci an ein paar eherne britische Traditionen zu gewöhnen, denn schließlich steht das Festival unter dem Motto „Musica Britannica“. Von der historisch informierten Zuhörpraxis des Hallelujachors abgesehen ist der „Messias“ allerdings kein Werk, mit dem man das Publikum leicht überraschen könnte: Schließlich haben Alte-Musik-Experten von René Jacobs bis zu Hervé Niquet gerade in letzter Zeit eine Menge interessanter Neudeutungen hervorgebracht.

In der Potsdamer Friedenskirche dauert es bis zum zweiten Teil, ehe der Chor The Sixteen und das The Symphony of Harmony & Invention unter Harry Christophers zur eigenen Hochform finden: Erst jetzt spielt man souverän mit dem Chorklang, dem vier Countertenöre den typisch englischen Touch verleihen: Jetzt erst nutzen sie das ganze Ausdrucksspektrum, das zwischen quasi solistischen Passagen und kräftigen Massenklangakzenten liegt.

Was die Solisten betrifft, verfolgt die Sopranistin Helen Williams leider keine klare Linie beim Einsatz ihres Vibratos und wirkt auch in Timbre und Intonation selten völlig fokussiert. Klar und dezidiert in Stimme, Ausdruck und Deklamation, präsentieren sich der Tenor Mark Dobell und Bass Neal Davis. Daniel Taylors Countertenor atmet zumindest an diesem Abend nicht ganz die alte Jugendfrische, aber mit einer großen Konzentration des Vortrags und lapidar glaubhaft hingeworfenen Worten gelingt es dem Sänger in der Arie „He was despided“ Zeit und Kirchenbank vergessen zu machen. Zum Schluss: Standing Ovations. Was sonst! Carsten Niemann

Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci bieten bis 24. Juni exquisite britische Musik an historischen Orten. Am 16. 6. gibt es im Neuen Garten ein Jazz-Spektakel unter freiem Himmel, zum Abschluss findet am 24. 6. vor dem Neuen Palais eine „Last Night of the Proms“ statt. Informationen unter www.musikfestspiele-potsdam.de sowie der Tel.-Nr.: 0331 / 28 888 28