Der Tagesspiegel : KURZ & KRITISCH

Christian Schröder

FILM

Immer wieder

gescheitert

Am Anfang heulen Sirenen, Granaten explodieren, und ein Sarg wird zu Grabe getragen: Zu den Bildern von Bernhard Wickis Beerdigung im Januar 2000 läuft die Tonspur aus seinem Antikriegsfilm „Die Brücke“, mit dem er 1959 berühmt geworden war. Wicki hatte danach noch ein knappes Dutzend Filme gedreht, er arbeitete in Hollywood mit Marlon Brando und Yul Brynner und wurde mit seiner Joseph-Roth-Adaption „Das Spinnennetz“ nach Cannes eingeladen. Aber „Die Brücke“, strahlender Beginn, sollte sein größter Erfolg bleiben. „Ich fühlte mich immer als Außenseiter“, spricht der greise Filmemacher am Ende von Elisabeth Wicki-Endriss’ Dokumentation Verstörung – und eine Art von Poesie (im Babylon Mitte) aus dem Off. „Ich bin ein Leben lang immer wieder gescheitert.“

Es ist ein abenteuerliches Leben, das das von seiner Witwe gedrehte Porträt in einer Collage aus Filmausschnitten, Interviews, O-Tönen und Off-Kommentar nacherzählt. Wicki, 1919 geboren, will Maler, dann Flieger, Dichter, Schauspieler werden. Weil er aber Görings Gattin verspottet („Hohe Frau – die fette Sau“) und frühere Kontakte zu Kommunisten auffliegen, wird der Berliner Schauspielstudent im November 1938 von der Gestapo verhaftet. Er landet für einige Monate im KZ Sachsenhausen. Die Haft, „entscheidendes Erlebnis meines Lebens“, hat ihn, sagt er später, davor bewahrt, von den Nazis „verführt zu werden“.

Wicki war ein wuchtiger Mann, sein imposanter Bart verlieh ihm die Aura des Melancholikers. Schon im Nachkriegskino spielte er schwermütige Offiziere, etwa Stauffenberg in G. W. Pabsts „Es geschah am 20. Juli“ und einen Partisanenführer in Helmut Käutners „Die letzte Brücke“. Christian Schröder

POP

Immer stärker

entladen

Helle, gläserne Gitarrentöne schweben über einem hypnotischen, wie Lava sich vorwärts wälzenden Schlagzeugrhythmus. Der Bass webt ein Motiv aus hohen, metallen widerhallenden Klängen ein. Die zweite Gitarre legt eine Textur aus Stakkato-Dead-Notes darüber. Minutenlang schichten ISIS im Postbahnhof ihr Stück „In Fiction“ auf, bis mit einem Schlag die Verzerrer freigelassen werden und die Naturgewalten sich in brachialen Riffs entladen. Mit dem Ernst und der Entschlossenheit von Bergarbeitern werfen sich die Musiker in die Instrumente.

Die Band aus Kalifornien ist ein Kleinod der harten Gitarrenmusik. Keine andere dem Post Hardcore zugerechnete Formation schafft es derart konsequent, der vorzivilisatorischen Romantik des Heavy Metal durch kopfgesteuerte Komposition die Schwitzigkeit auszutreiben. Jeder Schlag, jeder Klang ist fein berechnet. ISIS, die sich gerne auf poststrukturalistische Denker beziehen, lösen sich vom Prinzip der Linearität, konstruieren wie Architekten und verleihen so ihren vorwiegend instrumentalen Stücken eine geradezu dreidimensionale Wirkung. Leider liegt Nebel über dem Sound. Der Mischer schafft es nicht, die Instrumente differenziert herauszuarbeiten. Die Band selbst wirkt nicht so konzentriert wie bei ihrem grandiosen Volksbühnenauftritt vor zwei Jahren. Doch ist das spätestens in der Zugabe vergessen. „Celestial“, aus den Tiefen der Bandgeschichte ausgegraben, entfacht ein minimalistisches Lärmgewitter, das nach der Hälfte plötzlich ins Schwelgende umschlägt und klingt wie das Streifen durch duftende Felder nach einem reinigenden Sommerregen. Kolja Reichert

KUNSTRECHT

Immer weniger

gelöst

Lawinenartig angewachsen sind Kenntnis und Auslegung der Rechtsvorschriften, die verlagerte, gestohlene oder sonstwie abhanden gekommene Kulturgüter betreffen. Was noch vor einem Jahrzehnt in wenige, übersichtliche Kategorien einteilbar schien, erweist sich in immer mehr Fällen als hochkomplizierte Gemengelage. Da ist der Nazi-Kunstraub, da die Sowjet-Beutekunst, da ist der gewöhnliche Diebstahl wie Spitzwegs „Armer Poet“ aus der Berliner Nationalgalerie, und da taucht einstiges Museumsgut in abgelegenen Auktionshäusern auf. Zu vielen dieser Fallkonstallationen enthält der soeben erschiene Sammelband der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste Magdeburg, „Im Labyrinth des Rechts? Wege zum Kulturgüterschutz“ nützliche Darlegungen. Doch je genauer die juristische Kenntnis, desto deutlicher die bittere Wahrheit, dass sich die Mehrzahl aller Verluste niemals mehr wird nachverfolgen, geschweige denn bereinigen lassen. Um so wichtiger ist die Beharrlichkeit im Einzelfall. Bernhard Schulz