Der Tagesspiegel : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Klänge

in der Zelle

Ein Musikalischer Salon der Ernst-von- Siemens-Stiftung pflegt die Aura des Besonderen. Das Publikum im Konzerthaus besteht aus Komponisten, Wissenschaftlern und anderen Eingeweihten – beinahe eine Gemeinde, aber doch eine, die geduldig Neugier auf Neues in ihre Festlichkeiten einbindet. Treffpunkt Salon. Experimentelle Musik. Zu Gast im Werner-Otto-Saal sind die Neuen Vocalsolisten Stuttgart, Abenteurer auf ihre Weise, ein interdisziplinär arbeitendes kleines Ensemble. Ihr Interesse heißt, neue Klänge zu erforschen. Dafür kommt ihnen ein titel- und textloses Stück von Georg Friedrich Haas für sechs Stimmen und Viola gerade recht, zumal ihr Obertongesang von der fulminanten Bratschistin Barbara Maurer geziert wird: österreichische Avantgarde, eine mönchische Klangwelt, die keine Sorgen hat.

Anders „Bis zum äußersten Tor“ von dem Komponisten-Dirigenten Johannes Kalitzke, „Kafka-Komplex“ in vier Teilen für Viola, vier Stimmen, Klavier (Klaus Steffes-Holländer) und Elektronik. Da die Entstehungszeit die der Oper „Inferno“ (Premiere Bremen 2005) einschließt, drängt sich eine Verwandtschaft des Dargestellten auf: der Mensch (Dante) als Fremdling im „Inferno“ und der Mensch (Kafka-Collage) als Suchender vor versperrten Ausgängen. Die Vergeblichkeit als eine Konstante im Werk Kafkas wird in Aphorismen und Fragmenten angedeutet, Elektronik schafft einen Raum aus Ferne und Nähe, man spürt Nachklang. Es ist Musik aus realer und gewesener Zeit. Die Imagination eines Gefangenen wird ein lyrischer Moment im Solobass: „Diesen sollt ihr nicht wieder einsperren. Er kommt zu mir.“ Der Satz bleibt nicht lyrisch. Denn: „Niemand dringt hier durch.“ Sybill Mahlke

OPER

Tod

in der Kneipe

Mimì stirbt auf einem Stuhl. Dort, wo sie wohl ihr halbes Leben verbracht hat, auf einem angekratzten Barhocker, in der Hoffnung, sie würde irgendwann entdeckt werden: das Ende einer Karriere, die gar nicht begann – wie bei so vielen hier am Kottbusser Tor.

In der Puccini-Oper „La Bohème“ geht es genau um diese Hinterhof-Maler, Barhocker-Poeten und Weltenbummler, die vorgeben, von ihrer Kunst zu leben, und doch nur davon träumen. Deshalb, sagt Julia Schreiner, künstlerische Leiterin des Musiktheaterprojekts Die Bohème vom Kottbusser Tor, gehört die Oper auch hierher, in den Kiez der Berliner Bohème. Es ist bereits das sechste Mal, dass sich Schreiners Ensemble mit dem Thema des freigeistigen, doch mittellosen Künstlers auseinandersetzt. Zum ersten Mal jedoch ist die gesamte Oper das Material. Regisseur Patrick Wengenroth hat zu diesem Zweck das Stück von der großen Bühne mitten hinein ins raubeinige Leben am Kotti geholt. Im Festsaal Kreuzberg sitzen Mimì und Rudolfo daher nicht auf der Arienrampe, sondern im Publikum, am Kneipentisch und an der Bar. Als wär’s ein typisch Kreuzberger Abend, man feiert und fängt plötzlich an zu spielen. Heute wird dann eben mal Puccini gegeben als Stegreif-Nummer mit Sängern in Jeans und einem multikulturellem Gemisch von Straßenmusikern (Arrangement: Stefan Weihrauch). Große Oper ist das natürlich nicht mehr. Es ist das Leben der Bohème. Ehrlich, improvisiert und voll Liebe zur Kunst (weitere Aufführungen heute und am 19., 20. sowie 24. Juni, 20 Uhr). Dorte Eilers

ARCHITEKTUR

Vorwärts

in die Fünfziger

Es ist ein Besuch auf der Krankenstation. Gegliedert nach medizinischen Diagnosen, zeichnet die Ausstellung Denkmal!Moderne (Architekturforum der TU, Straße des 17. Juni 152, bis 14. Juli) ein ambivalentes Bild der Berliner Nachkriegsarchitektur. Während die Bewag-Verwaltung von Paul Baumgarten oder das Ahornblatt schon vor Jahren der „Exitus“ ereilte, liegen das Wertheim-Kaufhaus in der Schloßstraße oder das Konsistorium der evangelischen Kirche in Tiergarten im „Koma“ – der Abriss droht. Anhand von historischen und aktuellen Fotos verdeutlicht die sehenswerte Schau der Arbeitsgemeinschaft Nachkriegsmoderne, dass es für viele Bauten der 50er, 60er und 70er Jahre keine Pflegeversicherung gibt. Gerade erst in den Blickwinkel der Denkmalpflege gerückt, droht ihr Verlust. Damit geht freilich ein wichtiges Stück gebauter Identität verloren, gilt Berlin doch nicht zuletzt im Ausland als Hauptstadt der Moderne. Scharenweise pilgern Architekturinteressierte zum Corbusier-Haus. Zwar gelingt es mitunter, sogar Scheintote wie das Institut für Bergbau und Hüttenwesen am Ernst-Reuter-Platz wiederzubeleben. Doch wie viele andere Kranke benötigt die Nachkriegsmoderne vor allem: mehr Aufmerksamkeit. Jürgen Tietz