Der Tagesspiegel : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Alle für Verdi,

Verdi für alle

Dass die Arbeitsbelastungen in den meisten Berufen, die man einst als bürgerliche bezeichnete, in den letzten Jahren immens gestiegen sind, geht an der Chorszene Berlins nicht spurlos vorbei. Noch immer ist sie phänomenal reich, doch das semiprofessionelle Erarbeiten von großer Chorliteratur ist ein zeitraubendes Hobby, das sich inzwischen meist nicht einmal mehr Studenten, sondern vor allem ältere Arbeitnehmer und Rentner leisten können. Giuseppe Verdis Requiem hört man längst nicht immer so engagiert, diszipliniert und klug wie jetzt in der Philharmonie. Unter der Gesamtleitung von Joachim Geiger wurden gleich drei Chöre zusammengeführt: neben dem von Geiger geleiteten Studio-Chor die Berliner Cappella ( Kerstin Behnke) und der Karl-Forster-Chor (Barbara Rucha). Gerade im „Lacrimosa“ und im „Libera me“ wussten der Dirigent und die beiden Dirigentinnen die Chormasse zu formen und die großen Steigerungen gut zu gestalten. Im klangschönen Solistenquartett mit Carol FitzPatrick, Leila Pfister, Arnold Bezuyen und Markus Krause fanden die Chöre kompetente Unterstützung. Die hauptsächlich aus Musikstudenten bestehende Junge Sinfonie Berlin spielte respektabel, konnte aber nicht an ihre großen Zeiten unter Gründungsdirigent Marc Piollet anknüpfen. Matthias Nöther

KUNST

Draußen Sommer,

drinnen Eis

Wenn der Schneesturm um seine Hütte rase, berichtete Heidegger, „dann ist die hohe Zeit der Philosophie“. Vielleicht kann auch die begehbare Skulptur Die Hütte # 2 so ein Tempel des Nachdenkens sein. Allerdings herrscht drumherum sommerliches Idyll: der Park vorm Charlottenburger Schloss. Der Sturm – soziale Kälte, humanitäre Katastrophen – wütet (metaphorisch) eher drinnen. Soziale Extremsituationen wollen die Bildhauerin Christiane Wartenberg und die Medienkünstlerin Susu Grundenberg mit der Installation in der Kleinen Orangerie heraufbeschwören (Spandauer Damm 22, bis 8.7., Di-Fr 14-18 Uhr, Sa-So 12-18 Uhr).

Wer um die Bretterburg herumgeht, den erinnert sie an einen Abenteuerspielplatz. Im Inneren herrscht bitterer Ernst. Die Wand- und Bodenauskleidung mit weißen Styroporverpackungen generiert Kühlschrankatmosphäre. In diesem Ambiente schwingen die Künstlerinnen den ästhetischen Holzhammer: Das platte Video von Gepäckstücken und Kleidern, die auf nächtlichem Acker verbrennen, erstickt die Reflexion über Migrantenschicksale eher als sie zu entfachen. Starke Chiffre ist dagegen ein schlichter Vierzigerjahre-Koffer, den die Künstlerinnen halb mit Wasser gefüllt haben. Eindringlicher lässt sich das Gefühl von Ausgesetztsein nicht suggerieren. Vom „In-die-Welt-geworfen-Sein“ schrieb Heidegger – in einer wärmeren Hütte allerdings. Jens Hinrichsen

KLASSIK

Von Stürmen

und zarten Lüftchen

In Maurice Ravels stilisierter Tanzsuite „Le Tombeau de Couperin“, seiner Hommage an das Frankreich des 18. Jahrhunderts, beschwören das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Marek Janowskis die Aromen des Midi, jene in Lavendel und Orangenduft getauchte Luft des französischen Südens. Clara Dent spielt das Oboen-Solo mit sinnlicher Verve, die geradezu süchtig macht. Ganz anders – nächtlich, sehnsüchtig, voll blässlichem Pathos – ist die Stimmung von Ernest Chaussons „Poème de l'amour et de la mer“. Die französische Mezzosopranistin Sophie Koch singt in der Philharmonie mit edler Contenance. Interessant wird es, wenn sie an ihre Grenzen geht und Momente intensiven Leidens mit dramatischer Attacke gestaltet.

Das fulminante Finale des Konzerts bildet die 3. Symphonie von Camille Saint-Saëns, die zunächst einem dynamischen Kosmos gleicht, in dem jeder Einsatz den vorhergehenden zu übertrumpfen scheint. Freilich weiß Janowski die vielfältigen Impulse wirkungsvoll zu einigen. Mit großem Sinn für Tempi gestaltet er ein Panoramabild von beachtlicher Tiefenschärfe: Apokalyptische Stimmungen wechseln ab mit süffigen Streichermelodien und kleinen Idyllen am Bach. Der Witz an der Sache war freilich der letzte, machtvolle Einsatz der Orgel, noch einmal alle Elementarkräfte heraufbeschwörend. Dieses nicht vorauszusehende Finale vereint die Extreme: gestochen scharf ist das Fugato der Streicher, schmetternd erstrahlen Posaunensoli. Ein Sturm scheint durch den Saal zu wehen – und doch ist eigentlich alles in schönster Ordnung. Das ist Janowskis Kunst. Matthias Nikolaidis